Trabant 600: Knatternder Klassiker aus der DDR

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Ein Sonntagvormittag im August, nach einem Fotowalk wächst die Lust auf ein paar Kugeln Eis in der Tüte, idealerweise vom echten Italiener. Also nicht schnurstracks nach Hause, sondern noch einen kleinen Umweg über Eggenberg und zum Eissalon unseres Vertrauens, dem Park Café. Nach dem Eisgenuss im Park treten wir den Heimweg an.
Klar sind einige tolle Motive auf der Speicherkarte gelandet, aber nichts Brauchbares für Alltagsklassiker. Solche Tage gibt es, damit muss man leben. Nicht jeden Tag steht ein lässiger Oldtimer oder Youngtimer oder ein Exot wie ein Ferrari F40 oder Mazda 616 am Wegesrand.

 

 

Manchmal hat man kurz vor daheim dann doch noch Fotoglück, und es findet sich noch ein Fahrzeug. Dieses Mal lachte uns am Parkplatz, den sich ein Reifenhändler und eine Kfz-Werkstatt teilen, ein Kleinwagen mit kräftigen Farbakzenten an. Mein erster Gedanke: Ein Trabant P50! Ewig keinen mehr gesehen. Der letzte P50, der uns unterkam, war ein türkiser, der uns bei der längst verblichenen, heißgeliebten 200 Minuten Classic auf einigen Sonderprüfungen vor der Nase herumfuhr. Ja, vor der Nase – denn so ein angestrengt sich einen Hügel hochkämpfender Zweitakter mit sanfter Motorleistung ist olfaktorisch wahrlich kein Genuss! Da freut man sich, wenn man den kleinen Stinker hinter sich lässt und wieder frische steirische Luft atmen kann.

 

 

Ein paar Runden mit der Kamera rund um den Kleinwagen aus der ehemaligen DDR später, haben wir alle Bilder im Kasten und wieder frischen Stoff für den Blog. Aber der P50 ist dann gar keiner, sondern dessen Nachfolgemodell: ein Trabant 600. Gut, den Trabi 601 als Limousine und Kombi („Universal“) kennt man zur Genüge, er war eines der Symbole des Mauerfalls und des Zerfalls des kommunistischen Ostblocks. Aber was hat es mit dem Trabant 600 auf sich?

 

Zwischen Mangelwirtschaft und Mobilitätstraum

Mobilität in der DDR war immer auch ein Stück Sehnsucht. Wer ein eigenes Auto besaß, egal ob Wartburg, Moskwitsch oder eben ein Trabant, war frei – zumindest gefühlt. In den frühen 1960ern kam mit dem Trabant 600 ein würdiger Nachfolger des P50 auf die Straßen. Heiße 23 PS, Platz für die Familie und den halben Garten – für viele Ostdeutsche war das der Einstieg ins automobile Leben.

 

 

 

Entwicklung: und Technik: Vom P50 zum 600er

Der Trabant 600 wurde 1962 als Nachfolger des P50 vorgestellt, seine interne Bezeichnung lautete P60. Die wichtigste Änderung: mehr Hubraum (von 500 auf 600 Kubik) generiert aus einem Zweizylinder-Zweitaktmotor, mehr Leistung (20 auf 23 PS) und ein etwas geräumigerer Innenraum. Knapp 100 km/h waren drinnen, mit reichlich Anlauf und etwas Heimweh, dabei flossen gerne 7 Liter oder mehr vom Zweitakt-Gemisch durch. Äußerlich blieb vieles beim Alten – die typischen runden Formen, die zierliche Front und die spartanische Ausstattung.

 

 

Das Fahrwerk blieb simpel: Einzelradaufhängung vorn, Querblattfeder hinten. Die Karosserie – wie beim P50 – aus Duroplast, einem mit Kunstharz gebundenen Baumwollfaser-Werkstoff. Rost? Zumindestens an der Karosserie kein Thema. Bröselnde Ecken und abplatzender Lack dagegen schon eher.

Neu war auch die Ausführung „Universal“ – der Kombi, der Platz für Kind, Hund, Leiter und Kartoffelsäcke bot. Damit wurde der 600er endgültig zum Alltagshelden der DDR.

 

Alltag & Leben mit dem Trabant

Ein Trabant 600 war mehr als ein Fortbewegungsmittel – er war Teil des Familienlebens. Urlaub an der Ostsee? Alle rein, Zelt aufs Dach, ab dafür. Hochzeitsauto? Warum nicht, geschmückt mit Nelken aus dem eigenen Garten. Selbst Umzüge wurden mit dem kleinen Kombi gestemmt.

Wartung gehörte dazu: Zündkerzen im Handschuhfach, Werkzeug immer griffbereit. Wer einen Trabant fuhr, wurde automatisch zum Schrauber. In einer Welt, in der Ersatzteile nicht einfach im Regal lagen, sondern getauscht, gesammelt oder improvisiert wurden, war der 600er ein Lehrmeister in Kreativität.

 

 

Der Nachfolger

Nach nur zwei Jahren Bauzeit und 106.628 Exemplaren, kam 1964 dann der Trabant 601 – die wohl bekannteste Ausführung überhaupt. Mit kantigerem Design, aber im Grunde immer noch derselben Technik, begleitete er die DDR-Bürger bis zur Wende und weit darüber hinaus. Der 600er war somit das Bindeglied zwischen den rundlichen Anfängen des P50 und der ikonischen Box-Form des 601.

 

Fazit: Die kleine Allzweckwaffe

Der Trabant 600 war kein Luxuswagen, kein technisches Wunderwerk – aber er erfüllte seinen Zweck. Er brachte die DDR-Bürger zuverlässig ans Ziel, auch wenn die Reise manchmal länger dauerte und mit einer ordentlichen Abgasfahne garniert war.

Heute ist er selten geworden. Sammler schätzen ihn wegen seiner rundlichen Form und weil er die kurze, aber spannende Übergangszeit im Trabant-Kosmos repräsentiert. Wer einen sieht, sollte genau hinschauen – denn hinter dem knatternden Klang steckt ein Stück bewegte Alltagsgeschichte, das ganz viel Nostalgie versprüht.

 

 

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