Sterben die Kiesplatzhändler aus?

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Nebelschwaden ziehen frühmorgens durch das Grazer Becken, die Bäume entlang der Kärntnerstraße färben sich bereits rot, gelb und braun. Der Herbst hat Graz vollends im Griff. Auf einer der Grazer Hauptverkehrsrouten tauscht sich das Schwarz der Nacht mit dem hell des Morgens ab. Ein wenig verstohlen blinzelt die Sonne durch die kaum durchdringbare Nebelsuppe. Ein wenig wird die Sonne noch kämpfen müssen, bis der Nebel aufsteigt.

 

 

Früher, in jungen Jahren kurz nachdem ich meinen Führerschein erworben hatte, war es ein festes Ritual, am Wochenende durch die Grazer Automeile zu flanieren. Gucken, was die Autohändler so alles an faszinierenden Gebrauchtwagen für den Interessierten potenziellen Käufer, der ich nun einmal war, bereithielten. Das Knirschen des Kieses unter den Schuhen zu hören, während man durch die endlosen Reihen der Seelenverkäufer schritt. Das Gefühl zu haben, heute den Wagen zu finden, der genau zu einem passte. Das ganze ohne aufdringliche Verkäufer, die einen auf Schritt und Tritt verfolgten.

Was habe ich da Perlen und Grotten gesehen! Kisten, die man gerne gehabt hätte, aus welchen Gründen auch immer. Da stand schon der eine oder andere Wagen, der mein Herz höher schlagen ließ. Ich erinnere mich an ein weißes Opel Ascona C Cabrio, umgebaut von Hammond&Thiede, einst über jeden Opelhändler zu beziehen. Um 35.000 Schilling war er beim Gebrauchtwagendealer, neben dem mittlerweile aufgelassenen Postamt Neuhart angepriesen. Ein paar Hundert Meter stadteinwärts, stand beim Autoland ein grünes Einser Golf Cabrio, Sondermodell Etienne Aigner – auch etwas, worin ich mich gesehen hätte.

 

 

Die einstige Grazer Automeile ist auch nur mehr ein Schatten ihrer Selbst, zu viele der ehemals ansässigen Gebrauchtwagenhändler sind verschwunden. Lässige Verbrauchtwagen findet man nur noch in den Kleinanzeigenbörsen im Internet. Die geschotterten Plätze sind asphaltierten Verkaufsflächen gewichen, die Restpickerl-Fahrzeuge sucht man vergebens. Maximal 5–6 Jahre alt sind die angepriesenen Fahrzeuge, die meisten davon in einem, dem erhofften hohen Wiederverkaufswert versprechend Farbton getüncht. Silber, anthrazit, schwarz und weiß sind die vorherrschende Farben, bunte Fahrzeuge am ehesten noch bei Kleinstwagen anzutreffen. Diesel ist die vorherrschende Motorgattung, Benziner nur noch in den wenigen Sportwagen und ganz kleinen Fahrzeugklassen anzutreffen.

 

 

Abseits dieser leasingsilbernen Flotte muss es aber doch noch Fahrzeuge geben, die das Herz erwärmen, deswegen habe ich auch mal in die hinteren Reihen der Händler geguckt. Auf die Fahrzeuge, die kein Finanzierungsangebot mehr am Preiszettel haben und wo keine Leasingrate mehr ausgewiesen ist. Ich bin auf der Suche nach den unperfekten, den ungeliebten, den Grotten die im Hinterhof stehen. Grotten, die aber vielleicht mit etwas Zuwendung ein wenig Feuer im neuen Besitzer entfachen können. Abseits der emotionslosen Jungwagen gibt es sicher noch ein paar dieser Fahrzeuge und ich werde sie aufstöbern. Höre ich mich schon an wie Alf Cremers, der immer noch in einem Youngtimermagazin sein Unwesen treibt? Soweit wird es nicht kommen!

 

 

Also raus aus dem kuschelig warmen Alltagsauto, das so gar nix mit Klassikern zu tun hat! Mal sehen was der Markt hergibt und mich vielleicht in Kauflaune versetzt. Beginnen wir am Ende der Kärntnerstraße ganz im Süden, in Seiersberg. Beim dort ansässigen Gebrauchtwagenhändler mit angeschlossener Werkstatt, sieht man seit Jahren wenigstens drei reife Fahrzeuge, die sich die Reifen eckig stehen. Weiß ist die Grundfarbe der drei Standuhren, mit immer mehr rostbraunen Sprenkelungen. Eine Opel Rekord C Limo teilt sich den Platz mit einem dreitürigen Mazda 323 BG und einem weißen C124 Coupe. Unterstützung bekommen die drei neuerdings durch ein rotes Coupé Fiat und einen Maserati Quattroporte der fünften Generation.

 

 

Ähnlich rustikal geht es in Strassgang weiter, dort hat ein Exporthändler seinen Sitz, der immer wieder für erfreuliche Anblicke gut ist. Diverse Gurken in den hinteren Reihen, die bitte gerne in den Export gehen dürfen, werden ergänzt durch das eine oder andere verbrauchte Fahrzeug wo man am ersten Blick etwas Liebe verspürt. Zum Zeitpunkt meines Streifzuges waren das ein 300CE, der wenigstens ein Jahr an Ort und Stelle verharrt, daneben frisch am Schlepper angeliefert ein Pontiac Firebird (oder doch ein TransAm?), Alfa 156 und ein Mazda MX-3.

 

 

 

Ein kurzer Zwischenstopp bei der Kaffeetankstelle tut mehr als Not, bei 6 °C am frühen Morgen, tut ein heißes koffeinhaltiges Getränk einfach nur gut. Günstige Gebrauchtwagen findet man nur ein paar hundert Meter stadteinwärts, der Großteil der Fahrzeugpreise bewegt sich im vierstelligen Bereich. Auch hier sind keine Perlen zu erwarten, eher mittelalte Gebrauchte am Ende ihrer Nutzungsdauer. Darunter ein paar ausgemusterte Mercedes/Puch G des Militärs, dessen englisches Pendant ein LandRover Defender, ein Nissan Micra K11 sowie ein Audi Cabriolet. Dieselmotor mit 90PS und mehr als 300.000 Kilometern am Zähler machen auch nicht gerade Lust auf Cabriotouren im noch fernen Frühjahr. Gleich neben diesem Händler, wirbt eine Autowerkstattkette mit einem Zastava für ihre Dienste in knalligem gelb.

 

 

 

 

Hinter braunem A7 und  schwarzem Q8 lungert ein schneeweißer 1300er Käfer mit roter Innenausstattung und hat damit deutlich mehr Charme und sofort alle Herzen im Sturm erobert. Einen Händler weiter ist ein rotes 3er Golf Cabrio der Lichtblick am faden Kiesplatz, daran sieht man wie weit wir gekommen sind. Hinter Glas werden ein Typ 181 mit fettem leistungsgesteigertem Typ 4 Motor und frisch überrestauriert, sowie eine T2a Pritsche zu Preisen angeboten, die jenseits von Gut und Böse sind. Steht der T2a deswegen schon ein Jahr hinter den beschlagenden Auslagenscheiben?

 

 

 

Auf den Gebrauchtwagenplätzen der großen Marken findet sich nichts, was für diesen Blog von Interesse wäre, dasselbe Bild wie schon weiter oben beschrieben. Einzig bei den freien Gebrauchtwagendealern, findet sich mit Mühe und Not noch ein W124 Mopf2, ein W210 mit knapp 300.000 Kilometern und zwei verlebte 156er Alfas. Am Heimweg, mit Zwischenstopp beim Bäcker meines Vertrauens, finden sich noch zwei Fahrzeuge, wobei der eine, ein VW LT aus Feuerwehrbestand seinen Export nicht verdient hat. Die abgeranzte Micra Super Mouse mit mehr Dellen als Blech und Baumarkt-Radzierkappen kann gerne die Reise auf den weit entfernten Kontinent antreten.

 

 

 

Eine nüchterne Bilanz bleibt unterm Strich über, da gibt es kaum mehr reizvolles auf den einst heißgeliebten Kiesplätzen zu finden. Die Händler tauschen so alte Kisten nicht mehr ein, so bliebt den Interessierten nur mehr der Blick in die Kleinanzeigenportale und Autobörsen. 2014, bei meiner letzten Kiesplatzhändlerpirsch, war da eindeutig noch mehr zu holen.

Aber nicht nur ich habe zeitweise das Kiesplatzfieber, auch Lars, besser bekannt als Betreiber des sehr lesenswerten Watt’n Schrauber Blogs, hat sich heuer auch schon auf die Suche nach den Kiesplatzklassikern gemacht. Vorausgegangen ist dem ein Gespräch mit mir, wo wir beide unsere Affinität zu gut abgehangenem Altblech auf gekiesten Gebrauchtwagenplätzen festgestellt haben.

 

 

(Visited 356 times, 1 visits today)

You may also like...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.