So rollten die 60er & So rollten die 70er
Das Blättern in den Fotoalben meiner Familie – Vom analogen Erinnern, dem Duft alter Fotoalben – und zwei Büchern, die diesen Geist wieder aufleben lassen.
Das Blättern in den Fotoalben meiner Familie hat einen großen Vorteil gegenüber den digitalen Alben am Smartphone oder Computer: das haptische Erlebnis eines auf Fotopapier ausgearbeiteten Bildes.Dazu musste man bewusst einen Film in die Analogkamera einlegen. Fotos wurden damals nicht „mal eben“ aus der Hüfte geschossen, so wie wir das als Generation Smartphone gewohnt sind. Früher hatte ein selbstgeschossenes Bild einen ganz anderen Stellenwert – es war etwas „Besonderes“. Nicht immer und überall verfügbar, und immer mit Aufwand, Geduld und ein wenig Risiko verbunden.
Warten auf das Glück im Kuvert
Zeit war natürlich ein Faktor: Das heute gewohnte Abdrücken und sofort verfügbare Bild konnte nicht binnen Sekunden mit aller Welt geteilt werden.
Man musste erst den 24er- oder 36er-Film fertigknipsen, ihn aus der Kamera entfernen und zum Fotolabor seines Vertrauens bringen. Dort wurde er entwickelt und auf Fotopapier gebracht. Bis man das fertige Bild in Händen hielt, vergingen schon mal Wochen – oder Monate.
Ob das Ergebnis dann zur vollsten Zufriedenheit des Hobbyfotografen war, wusste man erst beim öffnen des Fotokuverts.
Passte die Belichtung? Waren die Bilder scharf? Alles Dinge, die wir heute sofort sehen – und bei Bedarf einfach korrigieren können.
Ein misslungenes Foto bedeutete früher: Der Moment ist vorbei. Heute drückt man einfach noch mal auf den Auslöser.
Autos im Familienalbum
In den Alben meiner Familie finden sich viele Bilder von Feiern, Hochzeiten, Festen, Ausflügen, vom Hausbau – aber nur wenige mit Fahrzeugen. Wenn sich einmal ein Auto, Moped oder Motorrad darauf verirrt hat, dann meist unbewusst im Hintergrund.

Ein paar Ausnahmen gibt es: den Volkswagen Käfer meines Onkels etwa, vor dem Opa Franz und Cousine Monika stehen – aufgenommen irgendwann im Frühling der 1960er-Jahre vor den Obstbäumen am Wohnsitz meiner Großeltern in St. Marein bei Graz.

Oder ein noch älteres Bild: Tante Hilde, Opa Franz und Oma Maria – rechts im Bild erkennt man den Steyr-Puch 500 meines Onkels, der wohl auch den Auslöser gedrückt hat.
Eine Einladung zum Zeitreisen
Umso größer war meine Freude, als mir der Motorbuch Verlag die beiden Rezensionsexemplare der Reihe „So rollten die …“ von Alexander F. Storz zukommen ließ.

Die im Sommer 2025 erschienenen Bände „So rollten die 60er“ und „So rollten die 70er“ sind wie Blicke in die Familienalben von Fremden – Momentaufnahmen zweier Jahrzehnte, in denen Mobilität zur Lebenseinstellung wurde.
Teils sind es Schnappschüsse aus dem Alltag, teils bewusst komponierte Szenen aus dem Straßenbild. Die meisten stammen aus (West-)Deutschland, einige aus Holland, der Schweiz und Österreich. Beide Bücher erscheinen als kompakte, gebundene Bildbände (235 × 170 mm, 144 Seiten, 141 Abbildungen, je 19,95 €).
Band 1: Die 60er –Vom Wirtschaftswunder zum Wochenendausflug
Man sieht Autos vor Reihenhäusern, auf Landstraßen, am Campingplatz. Die Texte sind knapp, präzise, ohne Pathos – fast wie ein guter Schraubenschlüssel: ohne Schnickschnack, aber exakt das passende Werkzeug, einfach aber effektiv.

Der Band markiert die Schwelle vom Luxusgut zum Normalfall: Mercedes, Opel, Ford & Co. verdrängen die winzigen Nachkriegs-Kleinstwagen. Der wachsende Wohlstand spiegelt sich im Straßenbild – und weil nun fast jede Familie eine Kamera besitzt, explodiert das private Fotoarchiv. Das Ergebnis: authentische Schnappschüsse mitten im Leben statt gestellter Studio-Hochglanzfotos wie von der Pressestelle des Herstellers .
Was mich begeistert, ist die Mischung aus „Allerwelts-Autos“ und seltenen Exoten. Der Band kippt nie in Nostalgie – er bleibt Beobachtung. Man hört förmlich den Zweitakter des Nachbarn, riecht warmen Kunstlederduft – und merkt, wie sehr Mobilität schon damals Lebensform war.
Band 2: Die 70er – Zwischen Schlaghose und Ölkrise
Der zweite Band schaltet einen Gang Realität hinzu. Die Siebziger sind die Jahre der Dellen im Autotraum: Ölkrise, Umweltdebatte, steigende Unfallzahlen – und überall Rost, richtig viel Rost, quer durch die Marken.

Storz bleibt seinem Konzept treu: Alltagsfotografie statt Hochglanz, liebevoll kommentiert, aber klar in der Sache. Statt Posterwänden sieht man Parkbuchten, Werkstatthöfe, Urlaubsstaus. Genau das macht die Siebziger so ehrlich – man erkennt, wie das Auto vom ungebremsten Vergnügen zur Problemzone einer ernster werdenden Zeit wurde.
Fazit: Zwei Bände, eine Straße
„So rollten die 60er“ ist das sonnige Samstagsgefühl: Fenster runter, Aufbruch, Freiheit, Zukunft.
„So rollten die 70er“ ist der Montag danach: die Tanknadel im Blick, der Himmel etwas grauer – aber das Leben geht weiter, nur bewusster.
Gemeinsam lesen sich beide wie ein Langzeitfilm über die Normalisierung des automobilen Alltags. Kein Hochglanz-Mythos, sondern eine präzise, sympathische Archäologie des Lebens auf vier Rädern.
Empfehlung:
Im Doppelpack finden diese beiden Bücher ihren verdienten Stammplatz im Regal – direkt neben den eigenen Familienalben.
Buchdaten
Alexander F. Storz:
So rollten die 60er / So rollten die 70er
Motorbuch Verlag, Hardcover, 144 Seiten, 141 Abbildungen, Format 235 × 170 mm, Preis je 19,95 €, beide Bände seit Sommer 2025 verfügbar
Transparenz:
Dieser Beitrag wurde nicht bezahlt, die Rezensionsexemplare wurde vom Motorbuch Verlag zur Verfügung gestellt. Dieser Artikel enthält Affiliate-Links.
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Gründer von Alltagsklassiker, mit großer Schwäche für gut gereifte japanische Fahrzeuge, Prospekte und Modellautos; Fotograf, Vitrinist, buchaffin, bewegt Mazda MX-5 NA V-Special, Mazda 818 Sedan de Luxe, Ford Focus Turnier MK3, Puch Clubman, Bianchi Arcadex und Puch Maxi L.







