Mercedes-Benz W 124 – Der letzte echte Benz

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Mercedes-Benz W 124 – Der letzte echte Benz?

Kaum ein Auto wird so zuverlässig mit dem etwas abgedroschenen Satz vom „letzten echten Mercedes“ in Verbindung gebracht wie der W 124. Vermutlich wurde diese Bezeichnung inzwischen öfter verwendet, als Mercedes von der Baureihe Diesellimousinen an Taxifahrer verkauft hat.

Trotzdem ist natürlich etwas dran.

Der W 124 stammt aus einer Zeit, in der ein Mercedes noch nicht unbedingt sportlich, dynamisch oder besonders emotional wirken musste. Er sollte vor allem funktionieren, lange halten und seinen Besitzer möglichst unaufgeregt ans Ziel bringen. Egal, ob zum Geschäftstermin, in den Familienurlaub oder mit 600.000 Kilometern auf der Uhr zum nächsten Flughafen.

Irgendwie hat ja jeder so seine Beziehung zum W124, den irgendjemand in der Familie oder im Freundeskreis hat sicher schon einen 124er besessen. Ich wollte mir selbst sogar mal einen zulegen, als ich 2017 auf der Suche nach einem klassischen Dailydriver war. Hätte ich damals nur nach intensiver nach einem guten Benz gegriffen, dann wäre mir viel Kummer und Ärger mit dem Volvo 960 erspart geblieben.

Mit „Mercedes-Benz W 124 – Der letzte echte Benz“ widmet sich Alexander F. Storz genau diesem Modell. Das 2026 im Motorbuch Verlag erschienene Buch umfasst 136 Seiten und verspricht eine Reise vom genügsamen 200 D bis zum bei Porsche mitgefertigten 500 E. Limousine, Coupé, Cabriolet und T-Modell dürfen natürlich ebenfalls nicht fehlen.

 

 

Ein Auto, viele Geschichten

Grundsätzlich bietet der W 124 genug Material für mehrere Bücher. Die Baureihe war schließlich nicht einfach nur eine Limousine in verschiedenen Motorisierungen. Es gab den klassischen Viertürer, das praktische T-Modell, Coupé und Cabriolet, Langversionen, Sonderaufbauten, Dieseltaxis, biedere Buchhalterausstattungen und den 500 E als unauffälligen Autobahnschreck.

Genau diese Vielfalt macht den Reiz des Autos aus.

Ein weißer 200 D mit Stoffausstattung und vier Kurbelfenstern erzählt eine völlig andere Geschichte als ein dunkelblaues Cabriolet mit Leder und Achtlochfelgen. Trotzdem erkennt man beide sofort als W 124. Das Design wollte nie modisch sein und ist vermutlich gerade deshalb so gut gealtert.

Das Buch zeigt viele dieser Varianten und streift außerdem zeitgenössische Prospekte, Plakate, Modellautos, Umbauten und Ableger. Damit richtet es sich weniger an jemanden, der eine nüchterne Kaufberatung oder ein Reparaturhandbuch sucht. Es ist vielmehr ein Bilder- und Geschichtenbuch für Menschen, die sich gerne durch die Welt einer bestimmten Baureihe blättern.

 

 

Zwischen 200 D und 500 E

Besonders erfreulich ist, dass nicht nur die glamourösen Modelle vorkommen. Natürlich ziehen der 500 E, das Cabriolet und die Coupés die Blicke auf sich. Für die Geschichte des W 124 sind aber die unscheinbaren Alltagsautos mindestens genauso wichtig.

Der 200 D war wahrscheinlich selten das Auto, von dem Jugendliche Poster an die Wand gehängt haben. Mit seinem eher überschaubaren Temperament brachte er dafür Generationen von Taxifahrern, Handelsvertretern und Familien an ihr Ziel. Nicht schnell, aber ausdauernd. Man hatte beim Beschleunigen schließlich genug Zeit, um über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nachzudenken.

Am anderen Ende der Nahrungskette steht der 500 E. Breitere Kotflügel, V8-Motor und teilweise Fertigung bei Porsche – wobei das Auto selbst damit erstaunlich dezent blieb. Kein riesiger Heckspoiler, keine martialischen Lufteinlässe und kein digitales Feuerwerk im Innenraum. Wer wusste, was da vor einem fuhr, wusste es. Alle anderen hielten ihn eben für einen etwas besser ausgestatteten Mercedes.

Diese Bandbreite bekommt das Buch grundsätzlich gut vermittelt.

 

Mercedes S124 / Bild: Mercedes Benz

 

Viel zum Anschauen

Die Stärke des Buches liegt eindeutig in der Bebilderung und in der großen thematischen Vielfalt. Man kann darin blättern, hängen bleiben, zurückblättern und entdecken, dass es offenbar noch irgendeinen Sonderaufbau, einen Tuner oder eine Modellvariante gab, die man bisher nicht am Schirm hatte.

Dabei wirkt die Zusammenstellung stellenweise allerdings etwas sprunghaft.

Manche Themen hätte man gerne ausführlicher behandelt gesehen, während andere überraschend viel Platz bekommen. Der rote Faden geht dadurch gelegentlich verloren. Wer eine streng chronologische Entwicklungsgeschichte erwartet, könnte sich an diesem Aufbau stören.

Das ist schade, weil die Baureihe selbst genug Stoff für eine sehr klar strukturierte Erzählung bieten würde: Entwicklung, Modellvarianten, Modellpflegen, Motoren, Sondermodelle, Motorsport, Alltag und heutiger Klassikerstatus.

Stattdessen fährt das Buch manchmal ein wenig wie jemand, der ohne Navi durch eine fremde Stadt unterwegs ist. Man kommt an interessanten Orten vorbei, weiß aber nicht immer genau, warum man gerade dort gelandet ist.

Ist er nun der letzte echte Benz?

Natürlich lässt sich über diese Formulierung vortrefflich streiten.

Für manche war bereits der W 123 der letzte echte Mercedes. Andere ziehen die Grenze beim W 124, beim W 140 oder vielleicht erst bei irgendeinem Modell, das sie selbst vor zwanzig Jahren gebraucht gekauft haben. Der „letzte echte“ ist meistens genau jener Mercedes, mit dem man persönliche Erinnerungen verbindet.

Beim W 124 hat die Bezeichnung dennoch eine gewisse Berechtigung. Er verbindet klassische Mercedes-Tugenden mit einer damals modernen Konstruktion. Komfort, solide Verarbeitung, überschaubare Elektronik und eine enorme Modellvielfalt machten ihn zu einem Auto, das vom Taxi bis zur Luxuslimousine fast jede Rolle übernehmen konnte.

Dass heute noch so viele Exemplare unterwegs sind, liegt nicht nur an der hohen Stückzahl. Der W 124 wurde gebaut, um benutzt zu werden. Und viele werden bis heute genau das: benutzt, repariert, gepflegt und manchmal auch ziemlich lieblos aufgebraucht.

Er war lange Zeit einfach ein altes Auto. Danach wurde er zum günstigen Winterauto, zum Exportkandidaten und zum Bastlerfahrzeug. Inzwischen ist er in der Klassikerwelt angekommen – zumindest dann, wenn Rost, Wartungsstau und diverse Vorbesitzer noch etwas von ihm übrig gelassen haben.

 

 

Fazit

„Mercedes-Benz W 124 – Der letzte echte Benz“ ist ein unterhaltsames Buch für Fans der Baureihe und für alle, die gerne in historischen Bildern, Prospekten und Modellgeschichten stöbern.

Es ist kein lückenloses Standardwerk und auch keine technische Enzyklopädie. Dafür fehlt stellenweise die klare Linie, und manche Themen werden eher angerissen als wirklich vertieft. Wer bereits mehrere Bücher über den W 124 im Regal stehen hat, wird möglicherweise nicht auf jeder Seite völlig neue Erkenntnisse gewinnen.

Als kurzweilige Würdigung einer der wichtigsten Mercedes-Baureihen funktioniert das Buch trotzdem. Es zeigt, wie breit die Welt des W 124 tatsächlich war – vom behäbigen Diesel bis zum 500 E, vom Taxi bis zum Cabriolet und vom Gebrauchsgegenstand bis zum Sammlerauto.

Der Titel „Der letzte echte Benz“ ist dabei natürlich eine Einladung zur Diskussion. Aber genau das gehört beim W 124 irgendwie dazu.

Denn über eines lässt sich kaum streiten: Autos wie dieses wird es in dieser Form nicht mehr geben.

Ob das jetzt am technischen Fortschritt, am Controlling, an den Kunden oder einfach an meiner fortschreitenden automobilen Alterssturheit liegt, darf jeder selbst entscheiden.

 

Mehr Bücher zum Thema Mercedes-Benz W124 gibt es im Motorbuch Verlag – von der Reparaturanleitung bis zum zur ausführlichen Typenchronik.

Transparenz:

Dieser Beitrag wurde nicht bezahlt, die Rezensionsexemplare wurde vom Motorbuch Verlag zur Verfügung gestellt. Dieser Artikel enthält Affiliate-Links.

Mehr interessante Bücher rund um die individuelle Mobilität findest du in der Rubrik Lesenswertes.

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