Matching Numbers und Scheckheft gepflegt: Die Historie eines Klassikers erkunden

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Matching Numbers, voll gestempeltes Serviceheft, nachvollziehbare Historie – ständig hört man in der Klassikerszene diese Schlagworte. Ein höchst interessantes Thema, dass vor allem bei Hochpreis-Klassikern ein sehr sensibles Feld ist und aus dem Mercedes Flügeltürer, dem Ferrari 250 GT und dem Jaguar XK140 das nochmals besondere Exemplar macht das alle haben wollen. Ein prall gefülltes Konto vorausgesetzt.

Dieses Thema beschäftigt aber auch uns, die wir Brot- und Butter Klassiker fahren. Man weiß doch ganz gerne, wie es seinem Automobilen Schätzchen in den Jahren seit seiner Erstzulassung ergangen ist. Klar, es wird keiner im günstigen Preissegment, sofern man den liebgewonnenen Oldtimer oder Youngtimer veräußern möchte, auf Herz und Nieren seiner Historie prüfen. Trotzdem lassen sich aus vorhandenen Unterlagen wie Rechnungen, Serviceheften, Korrespondenz und Notizen der Vorbesitzer so manche Schlüsse über den Umgang mit dem Fahrzeug ziehen.

 

 

Ich zeige euch das anhand meines Mazda 818 Sedan de Luxe, besser bekannt als „Die Erbse“. Beim Kauf im Spätherbst 2008, bekam ich vom Vorbesitzer Bruno einen A4 Ordner mit diversen Unterlagen ausgehändigt. Der wurde flott durchgeblättert, wohlwollend zur Kenntnis genommen und wanderte dann in den Wandschrank. Dort steht er seit dieser Zeit und wird nur ab und an herausgenommen um neue Unterlagen hinzuzufügen. Taucht man jedoch tief in diesen Ordner ein, lässt sich doch einiges über die Historie der Erbse herauslesen.

 

Typenschein
Beginnen wir mit dem Typenschein, der gut erhalten ist und voller wertvoller Informationen steckt. Man erfährt, das der Erstbesitzer Josef G., von Beruf Krankenpfleger, den Mazda 818 Sedan de Luxe am 9. Februar 1973 in Wieselburg mit dem amtlichen Kennzeichen N 118.381 zugelassen hat. Abgemeldet wurde die grüne Stufenhecklimousine am 30.04.1991 und wurde am selben Tag auf die Tochter von Josef G, Waltraud G., mit dem Kennzeichen ME 450 T erneut registriert.

Am 16. Oktober 1995 wurde der 818 abgemeldet und verfiel in einen Dornröschenschlaf. Wachgeküsst wurde der kleine grüne erst 15.11.2002 von Leopold F., der die Erbse bis zum 14.November 2005 ebenfalls mit Melker Kennzeichen bewegte. Im kommenden Frühjahr übersiedelte der Mazda in die Steiermark, wo er bei Bruno in Schwanberg ein neues Zuhause fand und am 02.06.2006 wieder zum Verkehr zugelassen wurde. Am 03. Dezember 2008 endete diese Beziehung und seitdem ist die Erbse in Graz bei Anja und mir daheim. Erst war sie bei mir im Wechselkennzeichen mit angemeldet, seit 2014 läuft sie bei Anjas Alltagsauto am Kennzeichen mit. Mein Fuhrpark war zwischenzeitlich zu groß war um alle Fahrzeuge auf einem Taferl unterzubringen, deswegen wurde diese Lösung gewählt, denn die Erbse sollte immer verfügbar sein.

 

 

 

Kundendienstscheckheft
Das oft in Anzeigen und Fahrzeugbeschreibungen zitierte „Scheckheft gepflegt“ kann ich bei der Erbse vorweisen. Zu mindestens in den ersten Jahren nach seiner Erstzulassung. Hier finden sich wieder die Daten des Erstbesitzers Josef G. samt Wohnanschrift, sowie die Fahrgestellnummer und dem Ausstellungsdatum am 08.02.1973, dem Tag vor der Anmeldung zum Straßenverkehr.

Der erste Wartungsdienst-Eintrag erfolgte 05.11.1973 bei Kilometerstand 6000, abgestempelt von Mazda Prazak Ges.m.b.H. in Loosdorf. Am selben Datum findet sich auch der Eintrag zum 12.000 Kilometer Service inkl. Kompressionstestprotokoll – da dürfte jemandem im Autohaus ein Fehler unterlaufen sein. Weiter geht es bei Kilometerstand 18.795 am 05.06.1974, auch hier wurde ein Kompressionstest durchgeführt. Das 24.000 Kilometerservice wurde am 09.07.1975 bei einem Kilometerstand von 23.045 bestätigt. 30.031 Kilometer Laufleistung lassen sich am 17.05.1978 anhand des Wartungsdienstes mit Stempel und Unterschrift nachvollziehen.Weitere Einträge datieren am 02.09.1979 bei 36.000 Kilometern, am 04.08.1981 bei 42.000 km, sowie am 28.04. 1982 bei 48.000 Kilometern Laufleistung. Danach wurde die Werkstatt gewechselt, die nächsten drei Einträge stammen vom Peugeot und Talbot Autohaus Hornisch in Melk: Bei 50.350 Kilometern am 19.10.1982, am 04.05.1983 bei Kilometerstand 53.400 und zu guter Letzt am 10.04.1985 bei 60.772 Tachostand. Danach endet das Kundendienstscheckheft. Man kann mutmaßen warum: Möglicher Gesundheitszustand des Erstbesitzers, dass deswegen der 818 kaum oder nur mehr sehr wenig bewegt wurde. Möglicherweise wurde, da der 818 vom Alter her, doch ein Relikt aus den frühen 1970ern war, nur mehr sporadisch bei einer freien Werkstatt gewartet. Aber Spekulationen helfen uns nicht weiter, von der Zweitbesitzerin Waltraud G. sind keinerlei Unterlagen vorhanden, einzig ein Blanko-Kaufvertrag mit ihrer Unterschrift findet sich in der Mappe.

 

 

Fahrtenbuch
Sehr genau wiederum nahm es Besitzer Nummer 3, ein Leopold F. aus Aggsbach Dorf, der dort als Fahrlehrer tätig war. Herr Leopold führte ein Fahrtenbuch, wie man es früher bei Tankstellenketten bekam, recht akribisch. Im Fahrtenbuch von BP finden sich einige interessante Aufzeichnungen, die das Historikerherz höherschlagen lassen. Blättert man das Büchlein im Format A6 auf, findet sich gleich am Einband der Hinweis: Restauriert Oktober 2002 bei KM 73.070. Auch der Hinweis, lt. Dallinger 91 Oktan und 95 Oktan im Wechsel zu Tanken, um nachzünden zu verhindern, stammt von Seite 2.

Danach folgen 29 Einträge von Tankvorgängen, datiert vom 20. November 2002 (Kilometerstand 73.256) bis zum 07.März 2005 bei 84.864 Kilometern. Fein säuberlich wurde der jeweilige Kilometerstand, Tankmenge, Kosten, Durchschnittsverbrauch und auch teilweise das Wetter notiert. Am 07.Jänner 2003 erfährt man zum Beispiel, das es eisig war, bei Kilometerstand 74.642 war es saukalt.

Dreht man das Fahrtenbuch um, findet man diverse Einträge und Einstellungswerte. Aber auch detaillierte Aufzeichnungen was zu welchem Zeitpunkt repariert, getauscht oder gewechselt wurde. Am 20.April 2003 (75.971 km) wurden die Bremsscheiben vorne abgedreht, die Staubschutzkappen kamen neu. Im Mai 2003 ( 76.500 km) gab es 1L Differenzialöl, sowie 1,2 Liter Getriebeöl mit der Spezifikation SAE 80W90. Im Februar 2004 wurde der Lack und der Unterboden ausgebessert, Dreipunkt-Gurte vorne eingebaut und die Bremsen gesäubert. Ein Ölwechsel mit SAE 10W40 wurde im Oktober 2004 vorgenommen. Im Juli 2005 wurde vermerkt „Unten rum lackiert“ – da wurden wohl einige Wehwehchen am Blechkleid der Erbse behoben, daher stammt wohl auch der wenige Zentimeter breite Neulack am unteren Ende der Karosserie, der rund ums Fahrzeug läuft.

 

 

 

ÖMVV Veteranenregister
Blättert man im Ordner weiter, findet man auch den Eintrag des 818 Sedan in das ÖMVV Veteranenregister im November 2005, der die historische Originalität zum Zeitpunkt der Registrierung bestätigt. Weiters findet man diverse Rechnungen, Versicherungsunterlagen, aber auch Bezugsquellen von Ersatzteilen, sowie abgezeichnete Vorlagen von Dichtungen. Man merkt, dass es Anfang der Nullerjahre mit der Ersatzteilversorgung über das Internet noch nicht sehr weit gediehen war, bzw. man sich dieser Quelle scheinbar noch nicht bediente.

 

Rechnungen
Vom direkten Vorbesitzer Bruno findet sich noch die Rechnung eines Mazda-Autohauses in der Süd-Weststeiermark im September 2008, die eine Reparatur nach einem unverschuldeten Unfall ausführte. Der linke vordere Kotflügel wurde getauscht, die Türhaut ersetzt, mit Kleinteilen, Spengler- und Lackierarbeiten wurden knapp € 1900.- von der gegnerischen Versicherung bezahlt. Dieser Verlust an Originalzustand führte dazu, dass Bruno damals an eine Trennung dachte, zum Glück fand sich ein glücklicher Besitzer, der der Erbse seit damals die Treue hält.

Auch diverse Unzulänglichkeiten und kleinere Eingriffe wurden von mir seit damals fachgerecht instand gesetzt, beziehungsweise in Auftrag gegeben. Dazu liegen Unmengen an Rechnungen vor, egal ob frische Reifen, Ersatzteile wie Zündkerzen, Luftfilter, Hauptbremszylinder oder Firlefanz wie die Gradulux Heckjalousien, alle Belege wurden fein säuberlich im Ordner abgelegt.

 

 

 

Digitales Fahrtenbuch
Ich führe schon seit Jahren ein digitales Tankbuch auf spritmonitor.de, das es glücklicherweise auch als schlanke App für das Smartphone gibt. Begonnen habe ich die Aufzeichnungen 2005 beim MX-5, bei der Erbse führe ich sie seit dem ich sie besitze bzw. der ersten Betankung am 11. Februar 2009 bei Kilometerstand 92.078.

Daraus lässt sich mit Stand der letzten Betankung am 20.09.2020 bei Kilometerstand 113.223 auch eine schöne Statistik erstellen aus der man folgende Erkenntnisse ziehen kann:

19387,6 Kilometer

1605,5 Liter Benzin

€ 1914,4 Spritkosten

Durchschnittsverbrauch von 8,28 Liter

Kosten pro 100 Kilometer: € 9,87

Fahrspaß: Unbezahlbar

 

Fazit
Ganz egal ob die Erbse ein Scheckheft hat oder nicht und ob ihre Geschichte nachvollziehbar ist, von uns wird die Historie des Mazda 818 Sedan de Luxe auch in ihrem 48. Jahr seit der Erstzulassung fortgeführt. Weil es nicht nicht immer nur um Fakten, Daten, Zahlen und den Wert geht, sondern um den Spaß und die Freude ein altes Auto zu erhalten und zu bewegen.

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1 Response

  1. Bruno sagt:

    Des is fein, vorbildlich möchte ich fast sagen…
    Eine kleine Info habe ich noch für dich: der dritte Besitzer, Hr. Leopold F. war der Fahrlehrer von der Zweitbesitzerin und hat so vom 818 erfahren. Ich glaube, mich noch erinnern zu können, dass er zur Zeit des Dornröschenschlafs bereits in seinem Besitz war… Laut seiner Information wurde der 818 vom Erstbesitzer nur im Sommer bewegt. Zu Allerheiligen wurde er aufgebockt und zugedeckt, um dann zu Ostern nach gründlicher Reinigung wieder raus zu dürfen. Die Schönheitsfehler, die zur „Restauration“ führten hatte in der Zeit vom Besitz der Tochter bekommen, die ihn ganzjährig bewegt hat.
    Wie schon mehrfach zum Ausdruck gebracht ist dieser 818 eines der wenigen Fahrzeuge, bei denen ich es wirklich bereue, ihn hergegeben zu haben. Andererseits läuft er immer noch und wird von seinen Besitzern regelmässig bewegt und liebevoll behandelt, was will man mehr…
    Danke für diesen Artikel und allzeit gute Fahrt!

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