Stumme Zeugen des langsamen Untergang

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Für gewöhnlich darf ich wochentags schon recht zeitig aus den Federn, wenn ich dem Ruf des Tagewerkes nicht widerstehen kann. Dieses jahrelang verankerte frühe aufwachen zieht sich natürlich dann auch ins Wochenende und macht auch vor Feiertagen keinen Halt. So geschieht es dann auch, das ich mich nicht noch einmal im Bett umdrehe und versuche weiter zu schlafen, sondern schleiche auf Zehenspitzen aus dem Bett um Frau und Katze nicht zu wecken.

 

 

Wenn dann schön langsam auch draussen der Tag anbricht, die Dämmerung einsetzt und es Minute um Minute heller wird und prächtiges Wetter prophezeit wird, macht das durchaus auch noch Spaß. Hat man nach dem morgendlichen Kaffee und Zeitungsritual auch noch was vor, kann man die so gewonnenen Stunden sinnvoll nutzen. Rein in den Dailydriver und ab in neue Abenteuer. Die Straßen sind fast noch leer, die Luft noch frisch und nur vereinzelte Frühaufsteher so wie ich sind schon unterwegs. Menschen die mit verknittertem Gesicht ihre Hunde auf städtische Grünflächen ausführen, laufende Sportskanonen in Funktionsmode und Hightech-Sportschuhen, wankende Nachtschwärmer die die Nacht zum Tag gemacht haben und ein paar Radfahrer  kreuzen meine Wege. Wege die erstaunlich flott zu absolvieren sind, die grüne Welle macht frühmorgens Sinn und funktioniert mit wenigen Verkehrsteilnehmern auch.

 

 

So kommt es, das ich es in 15 Minuten einmal quer durch die Stadt schaffe, dorthin wo das vermeintliche Abenteuer auf mich wartet. Das Abenteuer das mir Blogleser Alex als Reaktion auf meinen Bericht vom letzten erforschten Lost Place „Das verlassene Motel“ versprochen hat. Er hat dann auch gleich ein paar Bilder angefügt, die mein Interesse geweckt haben und eine vage Ortsbeschreibung. Angekommen bin ich am Rande der Stadt, dort wo das Wohngebiet langsam in landwirtschaftliche Nutzflächen und das Gewerbegebiet übergeht. Den FoFo möglichst unauffällig auf dieser anonymen Seitengasse geparkt und raus in die morgendliche frische Luft. Einstellige Plusgrade hat die Temperaturanzeige verkündet, da muß erst die Sonne richtig rauskommen um das Quecksilber ein wenig das Thermostat erklimmen zu lassen. Nur nicht zu dick anziehen für diese Expedition, sonst verfängt man sich mit dicken Jacken im Dickicht des Stadtdschungels.

 

 

Erst mal die Lage checken: Zwei direkte Nachbarn, aber beide weit genug weg um nicht unangenehm aufzufallen. Festes Schuhwerk ist Pflicht bei der Reise ins Ungewisse, möglichst dezente Kleidung in gedeckten Farben ist auch kein Fehler. Der Blick durch die schüttere Thujenhecke macht klar, hier bin ich richtig. Na, dann auf ins ungewisse Abenteuer!

 

 

Das erste was man sieht, macht traurig: Ein halb eingestürztes Wirtschaftsgebäude von dem nur mehr die Grundmauern stehen, mittendrinnen zwei in Mitleidenschaft gezogene Fahrzeuge. Drumherum jede Menge Schutt, abgestürzte Dachziegel, das Gebälk des ehemaligen Dachstuhles und leere Bierdosen. Die Autos laufen mir nicht weg, dazu fehlen ihnen die Reifen und so manch anderes was sie am wegfahren hindert.

 

 

 

Also erst mal das stark verwilderte Areal erkunden. Irgendwo zwischen Gestrüpp, schief gewachsenen Bäumen und frischen saftigen Brennnesseln in Wadenhöhe, steht das ehemalige Bauernhaus. Die Haustüre steht weit offen, Müllberge türmen sich davor. Hier haben offenbar Obdachlose gehaust, Kids gefeiert und den kläglichen Rest vom Haus dermassen zugemüllt das man deutlich erhöht durch die Räume gehen kann. Alles was noch brauchbar war und nicht niet- und nagelfest war, ist wohl schon gestohlen und davongetragen worden. Teilweise fällt das Haus bereits zusammen, zu mindestens einige Bretter des Bodens vom Dachboden hängen bedrohlich herab. Nichts wie raus hier und nur nicht an den unzähligen Glasscherben schneiden. Ein weiteres Wirtschaftsgebäude mit stallähnlichen Boxen ist westlich vom Haus, ebenfalls vollgestopft mit Müll.

 

 

Kommen wir zudem Part wegen dem ihr hier schon einige Minuten meinen Ausführungen folgt, den Fahrzeugen: Im halb zusammengefallenen Wirtschaftsgebäude, wo früher wohl mal der Traktor, Anhänger, Egge und Pflug bei Nichtbenutzung untergestellt waren, stehen die vom Einsturz des Daches in Mitleidenschaft gezogenen Autos. Ein Renault 6, einst als großer Bruder des R4 konzipiert, ist versunken in Schutt und Müll. Was am verbeulten und stark verrosteten, frühen R6 mit Rundscheinwerfern noch nutzbar war, wurde wohl schon vor Jahren von Leichenfledderern ausgebaut und davon getragen. Den kläglichen Rest dieses Einsturzopfers haben Regen, Vandalen und die Feiernden erledigt. Schimmel überall, leere Bierdosen en Masse, der alte Franzose ist mehr als reif für die Presse. Einzig das Lenkrad und der Tankdeckel heben sich vom grindigen Zustand ab.

 

 

Dahinter in ähnlich verrottetem Zustand findet sich ein Saab 99, bei dem nur mehr eines der Rücklichter in einem Stück überlebt hat. Sämtliche Glasflächen sind wie beim R6 zu Bruch gegangen. Der Innenraum ist bis oben hin zugemüllt, ebenfalls sind hier leere Bierdosen stumme Zeugen einer partywütigen Meute. Auch hier Rost, Elend und Verfall wohin man blickt. Ein Aufkleber am Heck des zerfledderten Schweden, erzählt vom Händler, der den 99er glänzend an glückliche Käufer ausgeliefert hatte. Einst verkaufte man dort neben Saab auch Toyota, servicierte diese Marken und sorgte für den Ersatzteilnachschub im Grazer Norden. Das Ende von Saab 2011 und der Verlust des Händlervertrages mit Toyota und Lexus ließ auch den Händler taumeln, die erste Insolvenz erfolgte 2014. Ein Neustart Ende 2014 als Mazdahändler mißlang, 2015 wurde neuerdings Insolvenz beantragt, was 2018 zur endgültigen Schließung des Traditionsbetriebes führte.

 

 

Zu dem Zeitpunkt war dieser Saab wohl schon längst abgestellt und sah einer traurigen Zukunft entgegen. Bleibt nur zu warten wann endlich, einer der Immobilienhaie sich dieses Grundstück schnappt, alles planiert die Autoleichen der Presse zuführt und mit einem weiteren Wohnprojekt mit klingendem Namen verschandelt.

 

 

Ein herzliches Danke an Alex für den Tipp zu diesem Lost Place und die vage Standortangabe, so blieb immerhin noch ein wenig Spannung beim aufspüren der Location für mich über.

Lust auf mehr Lost Places? Ab in die gleichnamige Rubrik!

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