Skoda Favorit 135L
Sonntagmorgen. Der Tag nach dem Saturday Night Cruising. Ein Tag der Ruhe nach all dem Trubel, komprimiert auf so wenige Stunden. Zeit, sich neu zu orientieren, den vergangenen Abend einzuordnen, Zeit, den Abend Revue passieren zu lassen. Einfach ein wenig raus, ein paar Meter gehen, Hirn auslüften, vielleicht einen Kaffee trinken. Eventuell mal was anderes fotografieren außer Fahrzeuge.

Ein wenig planlos durch die Gegend fahren, irgendwohin wird es uns schon verschlagen. Die nahegelegene Smart City bietet sich wieder mal an. Spannende Architektur, tolle Streetart an den Wänden und bei Bedarf ein halber Lost Place mit dem ehemaligen Hornig-Areal. Also sicherheitshalber die Kamera eingepackt. Vielleicht küsst einen ja die Muse.

Kurz vor dem Ziel, auf der Suche nach einem fußläufigen Parkplatz, kommt es, wie es kommen muss: Ein Fund am Straßenrand. Einerseits nichts Spektakuläres, andererseits mega selten. Der Zustand schon von der Ferne nicht berauschend, fifty Shades of red, auf der anderen Seite schön schrundig. Nichts, wonach sich der geneigte Passant umdreht, höchstens aus Mitleid.

Als Petrolhead hingegen läuten bei mir schon alle Glocken und die nicht leise! Skoda. Favorit 135L. Der letzte Skoda, entwickelt noch vor dem Fall des eisernen Vorhangs. Markteintritt 1987, Ende der Bauzeit 1994. Dazwischen lag so viel Weltgeschichte, die auch am Favorit nicht spurlos vorüberging. Mauerfall Ende 1989, großer Umbruch in den Staaten des Warschauer Paktes. Selbst das Land, in dem er gebaut wurde, gibt es in dieser Form mittlerweile nicht mehr. Aus der Tschechoslowakei wird Tschechien und die Slowakei.

Der Favorit war für die Marke Skoda nach vielen Jahrzehnten des Heckmotor-/Heckantrieblayouts ein großer entscheidender Schritt in die Zukunft, in dem man auf querliegenden Frontmotor und Frontantrieb setzte. Selbst das Design macht einen großen Sprung, von der runden weichen Linie des Modells 742 hin zu Ecken und Kanten eines kompakten Hatchbacks, Stufenhecks, Lieferwagens und Kombis (Skoda Forman). Bei der optischen Gestaltung setzte das Team von Peter Hrdlicka auf Unterstützung aus Italien, das Studio Stile Bertone legte mit Hand an. In der technischen Entwicklung setzte man auf die Kompetenz aus Zuffenhausen, Porsche hielt sich in den 1980ern mit gut dotierten Konstruktionsaufträgen knapp über Wasser. Motorisch gab es solide OHV-Vierzylindermotoren mit 1283 ccm, der mit 58 und 63 PS dargereicht wurde. Später wurde ein 1100er nachgereicht mit wenigstens 52 Pferdestärken.

Nach der samtenen Revolution 1989 wurde ein strategischer Partner notwendig, um am plötzlich offenen, hart umkämpften Markt weiterhin bestehen zu können. 1991 schlüpfte man unter das sichere Dach von Volkswagen, um als vierte Marke neben VW, Audi und Seat einer sicheren Zukunft entgegenschreiten zu können. Eine sanfte Überarbeitung seitens des neuen Hausherrn sorgte für einen Qualitätssprung, eines an sich schon gut konstruierten Wagens. Mit dem weiterentwickelten Übergangsmodell Skoda Felicia setzte Skoda Ende 1994 ein deutliches Zeichen, die Skoda-Tugenden setzte die komplett neu entwickelte Baureihe Fabia ab 1999 fort, die auf der Plattform des VW Polo entstand.

So hat der Sonntagsspaziergang richtig Spaß gemacht. Den letzten Skoda Favorit habe ich bewusst in einem Lost Place vor einigen Jahren wahrgenommen, mehr dazu in Das Haus des Ingenieurs.

Gründer von Alltagsklassiker, mit großer Schwäche für gut gereifte japanische Fahrzeuge, Prospekte und Modellautos; Fotograf, Vitrinist, buchaffin, bewegt Mazda MX-5 NA V-Special, Mazda 818 Sedan de Luxe, Ford Focus Turnier MK3, Puch Clubman, Bianchi Arcadex und Puch Maxi L.








