Lost Place: Moretti 1300 Berlinetta

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Suchen und finden, ein großer Teil meiner Automobilen-Leidenschaft dreht sich nur darum. So hat hier auch alles angefangen im Jahr 2008, als ich begonnen habe meine Straßenfunde klassischer und skurriler Fahrzeuge erst im längst verblichenen Altblech-Forum und dann auch hier im Blog herzuzeigen. So trifft man dann im Laufe der Jahre auch ähnlich gestrickte Menschen, die sich am Suchen und Finden erfreuen.

 

 

Patrick tickt auch so, nur extremer. Man kennt sich. Erst über Instagram, dann sieht man sich beim Alltagsklassiker Saturday Night Cruising. Die Interessen von uns beiden überschneiden sich in vielen Punkten und man findet sich sympathisch. Bei Pizza und Bier lernt man sich näher kennen, die Gesprächsbasis stimmt und man fasst Vertrauen ineinander. Nein, das artet jetzt in keine Bromance unter Männern aus, sondern erzählt über den Beginn einer Bekanntschaft, die sich rund um alte Autos und ins besonders das Finden selbiger Fahrzeuge manifestiert.

Geocaching ist in diesem Punkt wohl bei vielen die Einstiegsdroge. Patrick hat das Auffinden von Lost Places mit einer eigenen Methode verfeinert, er findet Fahrzeuge, die auf keiner Karte der Online-Schnitzeljagd aufscheinen. Ich hab von einigen seiner bereits entdeckten Plätze die Koordinaten bekommen, mit einer knappen Beschreibung, was sich am jeweiligen Ort befinden soll. Das steigert natürlich die Spannung und macht Lust auf das Erkunden und Abenteuer.

 

 

Mein erster Punkt auf der Liste, fein säuberlich abgespeichert in der maps.me App erzählt von 2x VW T1, der heilige Gral der Volkswagen-Klassikerszene sollen am Waldesrand stehen. Ein nicht näher definiert Wagen italienischer Provenienz nicht unweit davon. Also die sonntägliche Ruhe am frühen Morgen genutzt, die Kamera mit vollem Akku geschnappt, rein in festes Schuhwerk und robuste Outdoor Klamotten und ab ins wuchernde Grün des Waldes.

Dorthin wo mich die Navigationsapp hinlocken will, wuchern Dornen umrankte Pflanzen äußerst dicht. Dazu bräuchte ich eine Machete oder noch besser einen Flammenwerfer, um dorthin vorzudringen. Lass ich erst mal die Busse links liegen und kümmere mich erst mal um den Italiener. Ich rechne mit einem Fahrzeug, das die Dorfjugend nach einer Spritztour mit Unfallfolge diskret im Wald entsorgt hat. Oder der Waldbesitzer hat sein ehemaliges Alltagsauto abgestellt, nachdem die Karosserie nach intensiven Jahren der Dauernutzung aus mehr Rost statt Blech bestanden hatte. Wie das früher so praktiziert wurde, als Umweltschutz noch kein Thema war. Ab in den Wald damit – aus den Augen aus dem Sinn! So schlendere ich also durch den Wald und male mir aus, welches Allerweltsauto mich da erwarten wird. Fiat 131 Mirafiori, Lancia Beta oder Alfa Romeo Alfasud kommen mir zuerst in den Sinn.

 

 

Auf einer Lichtung steht er dann plötzlich vor mir und ich bin schlicht überfordert ob des Eindrucks, den dieses Coupe bei mir hinterlässt. Der erste Gedanke kreist um ein Modell von Lancia oder Maserati. Die erste Suche mittels Smartphone noch direkt vor Ort bringt kein wirklich befriedigendes Ergebnis. Alle bekannten Größen der italienischen Hersteller sind es nicht, die ich vermute. Der Blick in den Motorraum lässt meine Vermutung von großvolumigen Sechs- oder Achtzylindern sich in Luft auflösen, da hängt ein gewöhnlicher Reihenvierzylinder-Motor drinnen. Also doch eher was von der Stange, mit individuell gefertigter Karosserie.

Ich wende ich mich nun also der Karosserie zu und versuche Gemeinsamkeiten mit der Großserie zu finden. Die besonders elegant gezeichnete Seitenlinie zieht mich in ihren Bann! Zarte Dachsäulen lassen ein luftiges Dach über sich schweben, welch Grazie und Eleganz muss dieses Fahrzeug einst im Neuzustand verströmt haben! Bevor ihm im Wald von mehreren Bäumen arg zugesetzt wurde. Gerade diese Verformungen der Karosserie durch die aufs Dach gefallenen Bäume werden es mir später noch schwer machen, den wahren Typen zu bestimmen.

 

 

Nachdem ich vor Ort nicht weiterkomme mit meiner Recherche, zücke ich die Kamera und wende mich den Details dieser einstigen Schönheit zu. Doppelscheinwerfer, der besonders geformte Tankdeckel und die außergewöhnliche Form der Rückleuchten und deren Anordnung, sind die Schlüssel bei der Detektivarbeit, die mich einige Tage, Mails und Nachrichten via Messenger kosten werden.

Die kläglichen Reste von den T1 Bussen finde ich kurz darauf, nicht unweit des Coupes. Sie sind kaum erwähnenswert – schnöde Massenware, die in perfektem Zustand preislich vollkommen überbewertet sind, eventuell komme ich beizeiten darauf zurück. Erst muss ich heim und mich an den Computer klemmen und die Suchmaschine zum Glühen bringen, Fachbücher wälzen, Bilder versenden, mit kundigen Leuten reden und eifrigen Mailverkehr führen.

 

 

 

Den entscheidenden Hinweis bekomme ich von Lars, der scheinbar tiefer in der italienischen Autowelt bewandert ist, als ich vermutet habe. Im jugendlichen Äußeren, steckt tief drinnen ein weiser alter Mann mit fundiertem Wissen über längst verblichene Marken und Modelle, dass ich nur so mit den Ohren schlackern kann. Die Richtung – italienische Kleinserie mit Großserienbasis – war uns bald klar, nur welcher Konfektionär da seine eleganten Pinselstriche vom Papier in Blech gewordene Träume umgesetzt hat, war vorerst nicht eruierbar.

 

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Also hieß es tief eintauchen in die Welt der Etceterinis – jener Gattung Fahrzeuge, die nur den Enthusiasten mobiler italienischer Kunstwerke vertraut sind. Zuerst sollten wir einmal den Begriff Etceterini erklären:

Etceterini

Der Begriff Etceterini fasst handgefertigte italienische Fahrzeuge und Rennwagen mit kleinvolumigen Motoren ( 750-1100cm³) zusammen, die häufig auf Serien-Fiats basierten. Fahrwerk und Technik aus der Großserie bildeten das Rückgrat, das Chassis, Motor und (meist) formschöne handgefertigte Aluminiumkarosserien kamen von Firmen mit klingenden Namen wie Abarth, Bandini, Nardi, Stanguellini, Giannini, Volpini, Giaur oder Moretti, um nur einige zu nennen. Neben der privaten Nutzung der PKWs durch Schöngeister, traf man die Etceterini vor allem auf dem Rennstrecken in Europa und in Amerika (SCCA) an.

 

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Moretti

Nähern wir uns der Firma Moretti an, dem Hersteller meines Waldfundes, dem Fiat Moretti 1300. Mit seinen 1300cm³ also kein klassischer Etceterini, trotzdem von einem exklusiven Karosserieschneider, weit abseits der Serienproduktion.

Der 1904 geborene Giovanni Moretti nahm seine selbstständige Geschäftstätigkeit 1925 auf, als mit der Produktion von Motorrädern begann, die er auch selbst bei Rennen bewegte.

Der erste Versuch an einem Automobil im Jahre 1928 versandet im Prototypenstadium, ein Dreisitzer mit 500cm³ Zweizylindermotor. Der Zweite Weltkrieg der Europa in Atem hält, verhindert vorerst weitere Versuche am Automobilsektor. Bereits 1945 wird der Cita präsentiert, ein Zweisitzer mit 350cm³ Frontmotor als Limousine und Cabriolet, Versionen mit 600 und 750cm³ Hubraum folgen. Bis zum Ende der 1950er werden Komplettfahrzeuge produziert, die auch im Motorsport reüssieren.

Die hohen Kosten der Kleinserienfertigung zwingen Moretti dazu, die Fertigung von kompletten Fahrzeugen einzustellen und fortan seine Dienste nur mehr als Erzeuger von edlen Karosserien anzubieten. Sonderanfertigungen, die ein Fiat-Chassis als Basis hatten und auch dessen mechanische Teile nutzten. Die persönliche Freundschaft, die Giovanni Moretti und den Fiat-Gott-Obersten Gianni Agnelli verband, war dabei sicher nicht hinderlich.

 

 

 

Für das Design der Morettimodelle waren verschiedenste Designer verantwortlich, besonders hervorzuheben ist aber Giovanni Michelotti der folgende Modelle in den 1960ern verantwortet: Moretti 2200 Coupé, 1100 Coupé, 1100 Spider, 2300 Cabriolet, 600 Spider, 850 Sporty, 124 Coupés und die 128 Coupés und Roadster.

Das Geschäft mit den extravagant karossierten Fahrzeugen boomt, 1964 werden 1.500 Einheiten produziert, 1967 bereits 2.600, den Höhepunkt der Produktion erreicht man im Jahre 1973 mit 3.330 Exemplaren. Die Herstellung von exklusiven Fahrzeugen wurde in den 1970ern zunehmend zu teuer, dazu kamen die Auswirkungen der Ölkrise, was Moretti zwang die Modellpalette drastisch zu reduzieren. Neben den raffinierten Coupes und Roadster auf Basis des Fiat 128, wurden nur noch die Funcars 126 Minimax und 127 Midimaxi angeboten.

In den 1980ern wurden weithin sehr kleine Marktnischen gesucht und auch mit den Modellen127 VIPs, Ritmo Gold, Midimaxi III, Panda Rock und Uno Folk in homöopathischen Dosen bedient. 1991 warfen die Erben von Giovanni Moretti das Handtuch, damit endete die 65-jährige Firmengeschichte.

 

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Viel lässt sich über die Fiat Moretti 1300/1500 Berlinetta aus den frühen 1960ern nicht herausfinden, verschiedene angezapfte Quellen sprechen von maximal 10 gebauten Exemplaren. Es gab vom 1100er, 1300er bis zum 1500er noch diverse andere Morettiversionen als formschöne Coupes und Cabriolets, als 2 + 2 Sitzer sowie reine Viersitzer. Aktuell sind vom Coupe, mit der dem Waldfund identischen Karosserie ganze drei überlebende Stück bekannt.

Das Prospekt der Moretti – Automobili Carrozzerie Speciali su Autotelai Fiat, unter dem Titel „Das sehr breite Spektrum der Produktion 1964“ berichtet Folgendes:

Dynamik und Eleganz der Linie.

4 bequeme Sitze.

Separate Vordersitze mit umlaufenden Rückenlehnen.

Einstellbare hintere Seitenfenster erleichtern den Luftstrom im Inneren.

Auf Nachfrage:

Verstellbare Vordersitze.

Elektrische Fensterheber an den Türen.

Naturleder-Finish.

 

Preisliste:

1300 Berlinetta:  1.555.000 Lire

1500 Berlinetta:  1.595.000 Lire

Aufpreis für Lederausstattung:  145.000 Lire

Aufpreis für elektrische Fensterheber:  50.000 Lire

Aufpreis für klappbare Frontsitze:  30.000 Lire

 

Immerhin wurde ein wenig Licht ins Dunkel dieses sehr exotischen Waldfundes gebracht. Im Verborgenen bleibt weiterhin, wie diese Berlinetta einer italienischen Carrozzeria aus Turin, von der gerade einmal eine Handvoll gebaut wurden in einen steirischen Wald kommt und warum sie dort verrottet.

So bleibt uns weiterhin die Freude am Suchen und finden verborgener automobiler Schätze – eine ewige Begierde, die wohl nie nachlassen wird. Nicht bei mir und schon gar nicht bei Patrick.

 

 

 

 

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Ein herzliches Dankeschön an Lars – Watt’n Schrauber, Martin Krusche, Ferdinand M. Lanner von Zuckerfabrik24, Norbert Gall, sowie Claudio Mattioli der die Moretti Cars Webseite betreibt, für viele Informationen und Insiderwissen und den Links zu den richtigen Webarchiven. Ein besonderer Dank gilt Patrick Padzera von PAZ.Classics, der es mir erst möglich gemacht hat, diesen Fund zu machen und zu dokumentieren. 

 

 

 

*Blogbeitrag enthält unbezahlte und unbeauftrage Werbung wegen Markennennungen/Verlinkungen.*

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1 Response

  1. Christian sagt:

    Ja, Moretti war eine tolle Nischenmarke im Reich meiner jugendlichen Italien-Autoträume. Bis in die frühen 70er war dIese Welt noch in Ordnung: Abarth, Giannini, Moretti ….
    Erinnerungen, die man im Angesicht der künftigen gesharten, autonomen Zwangselektromobilität braucht, um sich wenigstens innerlich zu erwärmen.
    Das sowas noch zu finden ist und nicht früher gerettet wurde ist schade. Jetzt ist es vielleicht zu spät. In den späten 70ern fand ich auch einmal ein Abarth 1600 Allemano Coupé ohne Motorhaube und Motor (Krümmer war noch da), wohl leider auch dahin… Als Student konnte ich ihn nicht retten, bin stolz, mir mein Abarth 1300 Coupé bis heute in sehr gutem Zustand zu erhalten.
    Es ist ja schon faszinierend, daß es diese Autos in Österreich gab, in meiner Kindheit war schon ein Lotus Europa auf der Straße recht exotisch.
    Alles Gute für weitere Entdeckungen, Christian

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