Lenkeinfluss Spezial – Geschichten aus dem richtigen Leben Teil 4

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Die vierte Geschichte aus dem richtigen Leben hat sich genau so und nicht anders zugetragen. Damals waren die Lokale gut besucht, alle Geschäfte geöffnet und euer Lieblingsautor jung. Gut, zumindest jünger als jetzt. Ist ja auch schon was. Aber zurück zum Thema. 

Währing, der 18. Wiener Gemeindebezirk. Sommer 2013. Ich bin bei einer Freundin zum Grillen eingeladen. Es ist eine große, ausgelassene Runde.  Gegen Ende der Grillerei, es dämmert bereits über der Pötzleinsdorfer Straße, spricht mich eine langjährige Bekannte der Gastgeberin an. Ihre Mutter, mittlerweile in ihren 80ern, würde gerne ein altes Auto loswerden. Es stünde nur noch in der Garage, seid ihr Gatte verstorben ist. Auf meine Frage, um welches Auto es sich denn handeln würde, meinte sie nur, es wäre wohl ein Audi 8. Hmmm… Auf meine Frage, ob es vielleicht ein Audi A8 sein könnte, folgt nur zaghaftes Nicken. Doch das reicht mir. Natürlich, ich schaue ihn mir an. Wann soll ich denn vorbei kommen? Gleich morgen? Nein, so einfach sei das nicht. Erst müsse ich ein Telefongespräch mit der Mutter führen, in dem sie abwägen würde, ob ich höflich genug sei, um vorbei kommen zu dürfen. Doch auch diese Hürde ist für mich kein Problem und so werde ich eingeladen. Beste Döblinger Adresse, schon ganz draußen in den Weinbergen Sieverings. Direkte Nachbarschaft zu mehreren heimischen Prominenten, unter anderem auch zu einem Formel 1-Weltmeister. Als ich mit meinem beigen Camry gegenüber der Vila parke, fühle ich mich etwas underdressed. 

 

 

Aber wenn das nun wirklich ein Audi A8 ist, der da drinnen in der Garage schlummert? Ein A8 der ersten Serie, als 4.2 Liter oder gar nur ein bescheidener 2.8? Würde ich nehmen, zumindest für ein Jahr. Nur ein TDI, das müsste nicht sein. Den würde ich stehen lassen. Ich werde, entgegen meiner Erwartung, sofort ins Haus gebeten. Tolle Perserteppiche schon im Vorraum, gediegene Möbel, die Glocke einer Pendeluhr schlägt sanft zur halben Stunde. Die nette Dame fortgeschrittenen Alters klopft mich zuallererst etwas ab, erkundigt sich nach meinem Job, meinem Alter und warum ich mich für den Wagen ihres verstorbenen Gatten interessieren würde. Die Chemie zwischen uns stimmt aber von Anfang an, auf beiden Seiten ist Sympathie für das Gegenüber vorhanden. Also ab in die Garage. Aber nicht über den Garten, sondern durch den Keller. Als die nette Dame die Türe zur Garage öffnet und ich direkt auf die rechte Flanke des Autos blicke, bin ich etwas enttäuscht. Das ist doch im Leben kein A8, sondern ein Audi 80. Na klar. Dass ich darauf nicht früher gekommen bin. Aber vielleicht hab ich ja Glück im vermeintlichen Unglück. Wenn das jetzt ein 2.3E Fünfzylinder ist? Oder ein 2,8 V6? Vielleicht sogar mit Automatik? Dann sind wir trotzdem im Geschäft. Beim ersten Motorstart, um ihn aus der Garage raus auf die Straße zu fahren, fällt diese Hoffnung aber auch ins Wasser. 

 

 

 

Das Ding klingt verdächtig zahm, wie eine Nähmaschine. Kein Wunder, es ist ein Audi 80 2.0E. Mit nur knapp über 100.000 Kilometern und vielen Extras. Von den Kopfstützen im Heck über die Klimaautomatik, Heckrollo, Nebelscheinwerfer und Scheinwerfer-Reinigungsanlage bis zu Holzeinlagen am Armaturenbrett und einem Fahrer-Airbag ist vieles drin, was das Leben angenehmer und sicherer macht. Nur kein Motor, der das Leben spaßiger machen würde. Und leider schaut mich da ein Schaltknüppel an, kein Wählhebel. Also bin ich raus. Und trotzdem drehen die Dame und ich eine Runde, um den damals bereits 20 Jahre alten Herren nach dem Kaltstart ein wenig warm zu fahren. Die Runde durch Sievering und Grinzing fällt kurzweilig aus, ich erfahre viel zur Geschichte des Wagens und über ihren verstorbenen Gatten, den sie „der Herr Direktor“ nennt. Und trotz der gegenseitigen Sympathie und des tollen Pflegezustands wird nichts aus dem Geschäft. Ein Audi 80 mit vier Zylindern, Frontantrieb und Schaltgetriebe scheint mir einfach nicht begehrenswert genug. Trotz der tollen Ausstattung und des seriösen Erstbesitzes. 

 

 

 

Einige Wochen später. Mein 89er Camry steht zum Verkauf, nach 5 Jahren ist es wiedermal Zeit für ein neues Japaner-Projekt. Und als mir der Käufer beiläufig erzählt, dass sein Alltags- und Winterauto, ein Audi 100 Typ 44, das nächste Pickerl wohl nicht mehr packen dürfte, fällt mir der Döblinger 80er ein. Ein kurzes Telefonat, ein Besichtigungstermin und et voilá, auch der Audi 80 findet ein neues Zuhause. Im Weinviertel, als Alltagsauto neben meinem Camry. Wie das Leben so spielt. 

Jetzt ist es Mai 2020, die Welt sieht zumindest temporär und bis auf weiteres vollkommen anders aus als damals, ich wohn schon lange nicht mehr in Wien und auch die nette ältere Dame aus Döbling lebt mittlerweile nimmer. Ob der opulent ausgestattete 80er noch existiert? Ob er immer noch im Weinviertel neben meinem Camry steht? Mittlerweile würde er schon bald als Oldtimer durchgehen. Apropos Oldtimer…

…aber das ist eine andere Lenkeinfluss Spezial – Geschichten aus dem richtigen Leben.

Lukas

You may also like...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.