Gastbeitrag: Der mit dem Golf im Sommer tanzt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Es gibt viele Blogs da draussen, die sich mit klassischen Fahrzeugen beschäftigen, aber nur wenige die ich regelmässig mit Freude und Genuß verfolge. Einer von dem ich das uneingeschränkt behaupten kann ist Lars „Ein Leben mit Benzin im Blut“ Blog. Lars hat nicht nur Benzin im Blut, sondern für seine 19 Lebensjahre auch eine vernünftige Einstellung zum Thema Klassiker.

Er restauriert seit geraumer Zeit einen ’57er Volvo 444 LS namens Elsa, deren Restauration schön langsam ins Finale kommt. Diese Technik und Schönheitskur dokumentiert er in seinem Blog und im Alltagsklassiker Forum in der Rubrik „Klassiker Tagebuch„.

Sommers bewegt er im Alltag ein 35 Jahre altes Volkswagen Golf Cabriolet. Genau zu diesem Alltagsklassiker habe ich Lars gebeten, seine Erlebnisse zu schildern.

Als Micky mich fragte, ob ich nicht mal einen Gastbeitrag über unser Golf 1 Cabriolet schreiben möchte, habe ich sofort zugestimmt. Auch, wenn ich mir zuerst gar nicht mal so sicher war, was ich überhaupt schreiben sollte. Für eine Kaufberatung habe ich über die Jahre zu viel vergessen, was die Problemzonen vom Golf Cabriolet angeht. Eigentlich kann ich euch nur noch erzählen, wie es ist mit einem, nein, mit meinem 35 Jahre alten Cabrio den Sommer zu erleben.

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„Alltagsklassiker“ stimmt nämlich für mich mit dem Golf nur im Sommer. Wenn es regnet, stürmt, schneit, kalt oder ungemütlich ist, fahr ich ein neueres Auto mit festem Dach und undurchlässigen Dichtungen. Das ist ja das Schöne bei einem alten Cabrio. Sie sind meistens nicht ganz dicht, haben somit aber auch etwas mit ihrem Besitzer gemeinsam. Wenn ich dann mal mit Henkelmännchen, so heißt übrigens der ältere Herr aus dem Jahre 1980, doch durch einen Regenschauer fahre, dann werde ich mit einem kontinuierlichem Tropfen auf das linke Bein daran erinnert, dass so ein Cabriolet, gerade in dem Alter, die schöneren Tage lieber mag. Ist ja auch klar, ein Rentner mag seine Zeit ja auch genießen. Gearbeitet hat er ja lange genug.

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Das hat Henkelmännchen auch. Als wir ihn kauften, konnte man sehen, dass er ein anstrengendes Leben hinter sich hatte. Seine äußere Hülle hatte schon mächtig gelitten. Die Technik war gut, er hatte eine frische Hauptuntersuchung, das hielt ihn aber nicht davon ab auf der ersten Fahrt gleich liegen zu bleiben. Ohne den Vorbesitzer wäre er eh nicht mehr am Leben. Sieben Jahre stand er mit Motorschaden in einer Garage herum. Der Vorbesitzer päppelte ihn auf, hatte aber dann irgendwann keine Zeit mehr für ihn. Gut für uns.

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Von uns bekam Henkelmännchen dann einen neuen Anzug in dem originalen Farbton und wird nun seit 5 Jahren immer weiter verbessert. „Rolling Restoration“ nennt man sowas wohl. Ist aber ja bei den meisten alten Autos normal. Manchmal werden sie halt krank. Ganz erholt hat Henkelmännchen sich auch noch nicht. Wenn man sich morgens hinter das große Lenkrad setzt und den alten Vergasermotor versucht ins Leben zu hauchen, begrüßt die Startautomatik einen mit einem unrundem Motorlauf erster Klasse. Auch der Leerlauf ist dann für die ersten paar Kilometer dann mehr oder weniger toll. Aber wenn man dann in dem zierlich wirkendem Cabrio sitzt und mit sprotzendem Motor an einer Kreuzung steht, um Menschen über die Straße zu lassen, die einem dann freundlich winken und lachen, weil sie so etwas von den perfekt laufenden Neuwagen nicht mehr gewohnt sind, dann hat man seinem Auto eh alles verziehen.

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Ganz so sympathisch war es zu Anfang eh nicht. Als wir 2010 anfingen mit dem Cabriolet Oldtimerrallyes zu bestreiten, waren wir mit Henkelmännchen zwischen den chrompolierten Benzen und Porsche eh Außenseiter. Der Golf war ja gerade mal 31 Jahre auf dem Markt und bedingt durch die lange Bauzeit und die ähnliche Form vom Golf II kam er vielen noch zu neu vor. Ein W116-Fahrer meinte auf unserer ersten Rallye, dass wir auf einer Oldtimerveranstaltung nichts zu suchen hätten. Als wir dann als Laien und Amateure in der Gesamtwertung besser waren, sagte er nichts mehr. Selbst heute hört man noch oft: „Die sind schon 30 Jahre alt? Wie die Zeit vergeht.“. Das ist besonders lustig von ungefähr zehnjährigen Jungen zu hören.

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Aber das Blatt für das Golf 1 Cabriolet hat sich schon gewandelt. Nun sind es Liebhaberfahrzeuge geworden. Vielleicht sogar Kultfahrzeuge? Inzwischen werden wir schon öfter auf Henkelmännchen angesprochen und neben anderen Golf Cabriolet-Fahrern grüßen auch Oldtimerfahrer. Als ich neulich neben einem schicken 356er Porsche parkte und der Fahrer mich auf das Cabriolet ansprach, habe ich mich schon sehr gefreut.

Wobei mir ganz egal ist, ob das Cabriolet ein angesehener Old- oder Youngtimer oder über die nächsten Jahre hinweg eine bessere Wertanlage als die Aktien einer Klobürstenfirma sein wird. Mir ist es auch ganz egal, ob es Cabriolets im besseren Zustand gibt oder allgemein bessere Autos, die viel schneller und leiser und besser fahren, seltener sind und viel besser aussehen als unser alter Golf.

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Der Fahrersitz lässt die Federn durch, die Dichtungen sind spröde, die Ventilschaftdichtungen müssen gemacht werden, die Kopfdichtung wohl auch, die Kupplung erst recht. Das Auto steht auf Stahlfelgen, nicht auf Alus, und ist nicht tiefergelegt und klappert lustig, wenn man übers Kopfsteinpflaster fährt.

Aber so gehört er halt zur Familie. Und das bleibt er.

Autor und Bilder: Lars G.

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5 Responses

  1. Marc sagt:

    Immer wieder lesenswert und erfrischen von Dir zu lesen Lars.

    Ich erinnere mich an (ich glaube) 79er Golf Cabrio eines Freundes mit dem 70 PS Motörchen. Die Drehfreudigkeit war super, das 4-Gang-Getriebe aber auch für VAG-erprobte Mitmenschen extrem kurz, auf der Autobahn hat man es dann gerne auch bei 110 gut sein lassen. 🙂

  2. micky sagt:

    Hallo Marc!

    Deswegen habe ich den guten auch gebeten, hier einen Gastbeitrag zu verfassen. 😉

    Ich hätte mir ja auch mal in meinen jungen Jahren fast ein Golf Cabrio eingetreten, war wohl ein Etienne Aigner Sondermodell in dunkelgrün, mit ebensolchem Verdeck. Aber die Vernunft und die Leidenschaft zum japansischen hat dann doch gesiegt und es wurde ein MX-5.

  3. Hubatsch Sven sagt:

    Auch ich nenne so ein kleines Erdbeerkörbchen mein Eigen allerdings mit Jahrgang 1987 und 95 PS. Ich möchte ihn jedenfalls nicht mehr hergeben.

  4. micky sagt:

    Das kann ich gut verstehen Sven!

  5. Lars sagt:

    Hallo Marc,
    freut mich, dass dir mein Gastbeitrag hier gefällt.

    Zu den Autobahnerfahrungen kann ich überhaupt nichts sagen. Wir sind bisher noch keinen Meter mit dem alten Herren auf der Autobahn unterwegs gewesen – und die Fahrten durch die Nacht lassen sich auch an einer Hand abzählen ;-).

    Schöne Grüße
    Lars

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