Lenkeinfluss Spezial – Geschichten aus dem richtigen Leben Teil 1

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Die erste Geschichte aus dem richtigen Leben hat sich genau so und nicht anders zugetragen. Damals waren die Lokale gut besucht, alle Geschäfte geöffnet und euer Lieblingsautor jung. Gut, zumindest jünger als jetzt. Ist ja auch schon was. Aber zurück zum Thema. 

Währing, 18. Wiener Gemeindebezirk, Ende September 2013. Die Enttäuschung über die desaströse Zuverlässigkeit meines im Juli entnervt in den Export verschenkten Volvo S80 ist schon verflogen, ich bin wieder offen für eine neue vierrädrige Liebe. Und weil die Temperaturen noch recht sommerlich sind, mach ich mich von meiner Wohnung aus zu Fuß auf den Weg in Richtung Innenstadt. Alte Japaner suchen, finden und fotografieren. Kann es ein schöneres Hobby geben? An der BoKu vorbei geht es in Richtung Billrothstraße. Runter zum Gürtel. Plötzlich fällt mir ein, dass der kleine, damals noch unabhängige VW-Audi Silha in der Peter-Jordan-Straße ein interessantes Auto inseriert hat. Passt, da schau ich gleich vorbei. Liegt eh direkt am Weg. An diesem Mittwoch ist wenig Verkehr in Oberdöbling. Die Vogerln zwitschern, es riecht noch nach Sommer. Mein Sakko hängt lässig über die rechte Schulter, es schaut irgendwie nach Regen aus. Davon lass ich mir die Laune aber nicht vermiesen. „Take me where the sun is shining…“

 

 

Am Tor beim Silha angekommen, seh´ ich das Ding schon in der letzten Reihe der Gebrauchtwagen stehen. Eingeklemmt von Gruseligkeiten wie einem Golf Plus, einem Touran und einem Fabia steht er etwas verschüchtert da. Die Staubschicht am dunkelblauen Uni-Lack spricht Bände über die Beliebtheit dieses Modells. Sie dürfte aber gleich weggewaschen sein, es beginnt zu nieseln. Ich bin auf der Suche nach einem Alltagsauto, das als Laterndlparker immer im Freien steht und Sommer wie Winter zwischen Wien und der Steiermark pendeln soll. Da ist es nur von Vorteil, ein Auto zu wählen, das einem nicht am Herzen liegt. „Fahren, hinstellen, vergessen“. Und so marschiere ich ins liebevoll dekorierte Büro des mittlerweile längst nicht mehr existenten Traditionsbetriebs und frage nach dem Schlüssel für… einen 96er Audi A4 2.6 V6 Automatik.

 

 

 

In 17 behüteten Jahren in den Händen eines hochbetagten Uni-Professors hat er nur 72.000km zurückgelegt. Macht keine 4500km im Jahr. Und das sieht man. Die originalen Alufelgen wie neu, der Innenraum auch. Kein abgewetztes Lenkrad, kein zerschlissener Sitz. Riecht sogar noch fast neu. Und ein wenig nach 4711. Meiner Bitte nach einer Probefahrt kommt Robert Silha sehr gerne nach. Zumindest nachdem der emeritierte A4 mit einem Booster zurück ins Leben geschossen und fünf junge Gebrauchtwagen aufwendig in den Hof, auf die Straße und wieder retour rangiert wurden. Blaue Nummern dran und ab geht’s. Auf meine Frage, ob er mitkäme, entscheidet sich der erfahrene Autohändler dafür, die Gelegenheit gleich zu nutzen und einen Tankstopp einzulegen. „Wer was, wia vü Joa dea Sprudl scho aufm Bugl hot“. Was soll ich sagen – Es werden einige gewesen sein. Der Wagen ruckelt auf den ersten Kilometern ziemlich unangenehm, geht an mehreren Ampeln aus. Springt aber eigenartigerweise auch ohne Boosterhilfe gleich wieder an und fährt nicht so schlecht. Bis auf gelegentliche Aussetzer, aber mindestens vier Zylinder sind wohl immer im Dienst. Mein hochroter Kopf fällt auch Herrn Silha auf und so fühlt er sich bemüßigt, mir zu erklären, dass die lange Standzeit wohl nicht optimal für die V6-Maschine gewesen wäre. Schon klar, vielleicht gibt sich das mit den gefahrenen Kilometern. 

Der wirkliche Grund für mein verstärktes Transpirieren liegt aber in der nicht vorhandenen Ausstattung des Pensionisten-Bombers. Automatik und ein elektrisches Schiebedach sind an Bord. Das aber aufgrund des zunehmenden Regens zu bleiben muss. Sonst gibt´s nichts. Auch keine Klimaanlage. Die aufgrund der zunehmenden Schwüle sehr angenehm hätte sein können. Und während sich der ausgesprochen sanft und angenehm säuselnde V6 zurück ins Leben kämpft und mit jeder durch die Krottenbachstraße gecruisten Minute vertrauenserweckender läuft, wird mir klar, dass ich das Ding nicht nehmen kann. Denn erstens ist es aufgrund der sehr niedrigen Laufleistung nicht wirklich preiswert und zweitens ist da ganz bestimmt irgendwo ein „Auf ewig dein“ eingraviert. Denn ohne Ausstattung, ohne Quattro und ohne Klima kauft mir das Ding in diesem Leben wohl niemand mehr ab. Bei einem Nissan Maxima oder einem Toyota Camry würde mich das nicht weiter stören. Aber der Gedanke, einen Audi ewig am Krawattl zu haben, löst bei mir Panikattacken aus. Doch Robert Silha ist nicht bös´. Bedankt sich für das nette Gespräch, betont die Wichtigkeit der Bewegungsfahrt samt Tankstopp und so wünschen wir uns gegenseitig einen schönen Tag. Mittlerweile kommt wieder die Sonne raus, der Wunsch wird Wirklichkeit. 

 

 

 

Jetzt ist es April 2020, die Welt sieht zumindest temporär und bis auf weiteres vollkommen anders aus als damals, ich wohn schon lange nicht mehr in Wien und auch VW-Audi Silha in Oberdöbling  gibt es schon 5 Jahre nimmer. Ob der blaue, emeritierte A4 noch existiert? Wo der wohl hingekommen ist? Mittlerweile würde er schon locker als Youngtimer durchgehen. Apropos Youngtimer…

…aber das ist eine andere Lenkeinfluss Spezial – Geschichten aus dem richtigen Leben.

Lukas

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