Immer schneller, immer stärker, immer aggressiver?

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Wer Fahrberichte zu automobilen Neuerscheinungen liest, dem wird auffallen, dass ein neues Auto grundsätzlich deutlich schneller sein und besser gehen muss als der Vorgänger. Je zackiger das Ding auf 100 km/h hüpft, umso geiler. „Die Kiste braucht 9 Sekunden für den sogenannten Standardsprint? Ja wie lahm ist das denn…“ Und so werden selbst Brot und Butter-Autos immer schneller. Ein Basis-Golf geht heute schon so gut als ein 1er GTi, ein C250d beschleunigt flotter als ein 911 Carrera 3.2 vor 30 Jahren. Was macht das mit unserem Straßenverkehr? Ein ständig steigendes Tempo des Fließverkehrs ist die Folge. Und Autos, in denen du hohe Geschwindigkeit nicht mehr als die Gefahr wahrnimmst, die sie für einen selbst und alle anderen darstellt. In einer Umgebung, die immer weniger Platz für schnelles Fahren bietet und in der die Verkehrsdichte stetig zunimmt. Gemütliches Dahingondeln mit unseren automobilen Altwaren ist auf stärker befahrenen Straßen kaum noch möglich, der zackige Fließverkehr sorgt für Schweißperlen hinterm Oldiesteuer. 

Wenn Autos immer schneller werden sollen, müssen sie auch immer stärker werden. Das diktiert schon allein die Motorpresse. Mehr Leistung bedeutet Fortschritt. Ein Rückgang der PS-Zahlen ist so erstrebenswert wie eine Gürtelrose. Der Konsument liest das seit Jahrzehnten, es wurde uns allen ins Gehirn gepflanzt. Und wir plappern es nach. Motorjournalisten tun sich aber auch leicht, ständig steigende Leistungswerte in den Himmel zu loben, oft sogar einzufordern. Schließlich müssen sie während ihrer zweiwöchigen Testdauer weder Steuer- noch Versicherungsbeiträge finanziell stemmen. Und dass die Tankrechnungen der Importeur begleicht, kommt da auch sehr gelegen. Aber Hand aufs Herz. Was macht auf kurvigen Landstraßen mehr Spaß: Ein milde motorisiertes Gefährt, bei dem man die Gänge lustvoll und mit Vollgas ausdrehen kann, ohne gleich den Führerschein zu riskieren oder ein Performance-Modell, in dem man legale Geschwindigkeiten bestenfalls als beschleunigtes Rollen wahrnimmt und ein beherzter Gasstoß im dritten Gang schon eine Führerscheinabnahme zur Folge hat?

 

 

Wer schnell sein will, wird auch ständig aufgehalten. Man wird quasi zum Drängeln gezwungen, oder etwa nicht? Beim Blick in den Rückspiegel läuft es dem Vorausfahrenden dann kalt über den Rücken. Schon Kleinwagen haben ein G´schau, wie man es  noch vor 15 Jahren nur in Horrorfilmen gesehen hat. Die meisten Modelle strotzen nur so vor „Hau bloß ab, jetzt komm ich“-Selbstbewusstsein. Womit wieder bewiesen wäre, dass das Autodesign immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Und mittlerweile, auch das wurde uns durch Hersteller und Fachmedien eingeimpft, finden wir das selber schon supertoll. Einen aggressiven Look setzen wir mit Sportlichkeit gleich. Und Sportlichkeit hat in unserer Gesellschaft der ständigen Selbstoptimierung ein sehr positives Image.  Im Gegenzug wird jemand, der nicht sportlich ist, auch nicht ernst genommen. Bestenfalls belächelt oder bedauert. Genauso auf der Straße. Wer kein aggressives Design vorzuweisen hat, wird zum Mobbing-Opfer. Setzt euch auf eurem täglichen Arbeitsweg eine Woche in einen Suzuki Ignis und in der darauf folgenden Woche in einen Audi RS6 und beobachtet, wie andere Verkehrsteilnehmer mit euch umgehen. 

Das Absurde bei dem Thema – Immer mehr Menschen ärgern sich über Raser und Drängler, die Stimmung im Straßenverkehr ist vergiftet wie noch nie. Trotzdem jubeln wir, wenn unsere Autos immer schneller und aggressiver werden. Nach Jahrzehnten des Rückgangs beginnt die Zahl der jährlichen Verkehrstoten wieder zu steigen. Ob das ein Zufall ist?

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1 Response

  1. David sagt:

    Wunderbar auf den Punkt gebracht! Allerdings ist der blaue TT mittlerweile schon eines der milderen Beispiele für aggressives Design…

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