„Soll ich ihn heute fahren? Na, lieber ned…“

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Wer seine Ohren offen hält und sich in der heimischen Altautoszene ein wenig auskennt weiß, dass in vielen Garagen, Hallen und Ställen unzählige alte Pretiosen schlummern. In jedem Zustand von Top bis Flop, von Pickerl neu bis „Pickerl? Nie wieder!“. Doch warum sieht man Oldies und Liebhaberautos eigentlich immer nur auf Treffen und sonntags auf einschlägigen Panoramastraßen? Warum fährt eigentlich niemand mit alten Kisten in die Arbeit, zum Einkaufen, zum Baggersee oder zum Kaffee bei der Oma?

Weil wir verwöhnte Krätzen sind.
Wie bei fast jedem Missstand in Alltag, Kultur und Politik – Die Neuwagen sind schuld. Sie haben uns verwöhnt. Mit ihren Klimaanlagen samt Aktivkohle-Pollenfilter und automatischer Regelung. Mit ihren radarbasierten Abstandsregeltempomaten. Mit ihren Spurhalte- und Verlassenswarnern. Mit ihren ergonomisch geformten Sitzen samt Lendenwirbelstütze und Anti-Schleudertrauma-Kopfstützen. Mit ihren taghellen Xenon- oder LED-Scheinwerfern mit Kurvenlicht, die das Fahren in der Dunkelheit einfach sicherer machen. Gestern im Gespräch mit einem 635CSI-Besitzer – „Ich würd ja eh gerne fahren. Aber wenn ich eine Ausfahrt mache, will die Familie mit. Und ohne Klimaanlage sind die 30 Grad im Schatten im Sommer auch nicht lustig. Im Auto wird’s extrem heiß und mit offenen Scheiben zieht es und laut ist es auch. Da fahren wir den Ausflug dann lieber mit dem neuen 530d“.

 

 

 

Weil unser Wetter unberechenbar ist.
Glücklich ist, wer im burgenländischen Seewinkel wohnt. Mangels Landschaft ist das Wetter dort relativ stabil und berechenbar, die Gewitterneigung gering. Aber gerade die Steiermark und Kärnten sind wettertechnisch katastrophal. Im Winter kannst nicht fahren, weil überproportional viel aggressives Streusalz die Straßen vergiftet. Im Frühling, zumindest heuer, war es auch im Mai noch kalt und schiach, mit Salzstreuung auf höher gelegenen Straßen. Und jetzt – im Sommer – schaut fast jeden Tag mindestens ein ordentliches Gewitter vorbei, in vielen Fällen auch als Unwetter mit Hagel. Nicht immer golfballgroß. Aber immer öfter. Da magst dein altes Schätzchen dann auch nicht riskieren. Und bleibst lieber in der Garage, wenn www.uwz.at wieder eine rote oder gar violette Steiermark meldet. Aus einem Gespräch mit einem Karosseriespengler – „Die Hageldecken sind Geldmacherei. Kleiner Hagel tut dem Auto eh nix und großer Hagel schlägt meistens durch.“ Gute Aussichten…

 

 

 

Weil wir Arschgeigen sind.
Ja, wir alle müssen uns bei der Nase nehmen. Wir alle tragen nämlich dazu bei, dass unser Straßenverkehr immer aggressiver, rücksichtsloser und hektischer wird. Drängeln, Ausbremsen, ohne Sicht überholen und Nötigen sind an der Tagesordnung. Jeder von uns tut es manchmal, manche auch öfters. Das vergiftet das Klima auf der Straße. Und einem vergifteten Klima, das von Aggression geprägt wird, möchte sich kaum jemand mit einem Oldtimer aussetzen. Zum einen, weil es keinen Spaß macht. Zum anderen aber auch, weil man im Oldie auch angreifbarer und verletzlicher ist. Wenn dir ein gestresster Leistungsträger mit seinem Neuwagen reinfährt, steigst du mit etwas Glück aus dem modernen Auto aus. Im Oldie bist du tot. Bei jeder Fahrt auf fast jeder Landstraße landauf und landab hab ich es schon selbst erlebt – Mit meinem grünen Pajero (Reisetempo Tacho 80) holst du aus anderen Verkehrsteilnehmern die schlimmsten Charakterschwächen hervor. Am liebsten würden sie dich von der Straße schieben, weil du langsamer bist als der restliche Verkehr.

 

 

Weil es uns eigentlich ziemlich gut geht.
And now for something completely different. Nein, es wird nicht nur gejammert. Eigentlich ist es ja ausgesprochen positiv, dass es uns gut geht. Das viele von uns Jobs haben, die zwar viel Zeit kosten, aber auch gutes Geld bringen. Von dem Geld kaufen wir uns dann Oldtimer, Motorräder, Sportwagen, Motorboote und andere Spaßmacher. Mit denen wir dann aber eigentlich eh fast nie fahren. Weil es der Job und die mangelnde Zeit nicht zulassen. Auch haben viele von uns Familie. Hübsche Frauen, tolle Kinder. Mit denen man natürlich auch Zeit verbringen muss und möchte. Die auch etwas vom Vater, Mann oder Freund haben möchten. Jeder kann sich glücklich schätzen, der in einer solchen Situation ist. Auch wenn das bedeutet, dass man mit dem Oldie eigentlich so gut wie gar nichts fährt. Geht´s uns gut, dass wir solche Probleme haben…

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2 Responses

  1. Lars sagt:

    Wahre Worte und toll geschrieben!

    Ich kannte es auch von mir nur zu gut, dass ich wegen des Wetters, der unsicheren Parksituation am Zielort oder aus Faulheit den Klassiker stehenlies und dann eher meinen Alltagsgolf bewegte. Doch irgendwie habe ich es dann nicht mehr eingesehen, dass ich für die Autos jährlich viel Geld für den Unterhalt ausgebe, sie aber kaum nutze. Seitdem fahre ich sie. Oft und gerne. Nicht nur mir, auch den Autos tut das wirklich gut.

    Nicht umsonst heißt es: „Stillstand ist der Tod“.

  2. Ich stimme den Worten von Lars zu 100 % zu.

    Super Bericht.

    Leider habe ich zu viele Fahrzeuge, dass ich sie regelmässig bewegen kann.
    ich hatte bist jetzt das Glück, wenn ein Youngtimer so viele Jahre gestanden ist, über 4.5 Jahre, dass er ohne Problem gestartet ist und auch die MFK (TüV)
    sofort bestanden hat.

    ich fahre auch meine Autos zum Einkaufen, etc.

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