Der ideale Youngtimer Teil 4: Ford Scorpio

Für Fords konservative Klientel war lange Jahre die Welt in Ordnung: In der oberen Mittelklasse wurde mit den beiden Generationen des Granada solide Hausmannskost von 1972 bis 1985 geboten. Mit dem futuristisch anmutenden Nachfolger, dem Scorpio der im März 1985 vorgestellt wurde, wusste die Zielgruppe nicht recht etwas anzufangen. Der erst nur als Fließhecklimousine (Aeroheck) angebotene Scorpio, stieß die gesetzten Limousinenfahrer vor den Kopf.

Dabei gab es auch diese plüschige Heimeligkeit, die schon die Granadas ausgiebig zelebriert hatten, auch V6 Motoren wurden wieder angeboten und mit der Topausstattung Ghia war man nach wie vor gut angezogen. Als das erste Großserienfahrzeuge am Markt hatte der Scorpio ABS (Antiblockiersystem) serienmässig verbaut.

800px-Ford_Scorpio_Turnier_rear_20071026Ford Scorpio Turnier / By Rudolf Stricker (Own work)) [GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Allrad wurde ab Ende des Jahres 1985 angeboten, ein Dieselmotor von Peugeot ab 1986. Ende 1989 wurde endlich die langersehnte Karosserievariante, die Limousine nachgereicht, im Frühjahr 1992 dann der geräumige Kombi (Turnier). Auch das Topmodell, der 2.9i V6 mit Cosworth-Zylinderkopf und 195PS wurde 1991 eingeführt.

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Ford Scorpio Limousine / Bild: Michael Tieber

Modellpflege

1992 erfolgte die erste Modellpflege, die recht dezent ausfiel und u.a. an den weißen Blinkergläsern erkennbar ist. Im Herbst 1994 gab es abermals eine Überarbeitung der Karosserie, die dem Scorpio barocke schwülstige Formen in Blech und Plastik bescherte. Angelehnt an die Formen amerikanischer Limousinen, ging aber die Saat die Ford hier gesät hatte aber nie richtig auf. Mit diesem Facelift verschwand auch die Schrägheckversion vom Markt. Die Verkaufszahlen schwanden rapide, was größtenteils der gewöhnungsbedürftigen Formgebung geschuldet war.

ford scorpio limousine `92 / bilder: michael tieber

Ford Scorpio Limousine ’95 / By Rudolf Stricker (Own work) [GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Auch eine letzte Modellpflege im Jahre 1997 konnte das Ruder des sinkenden Kahns nicht mehr herumreißen und so verschwand der Scorpio, das letzte europäische Fordmodell der gehobenen Mittelklasse, aus dem Modellportfolio. Der letzte seiner Art ist wahrlich keine Schönheit, aber gerade dieser Mut zur häßlichkeit hat schon wieder seinen ganz eigenen Charme und ist als Outlaw schon wieder liebenswert.

 

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Ford Scorpio Limousine / By Charles01 (Own work) [GFDL or CC BY-SA 3.0],via Wikimedia Commons

 

Der Markt

Durchstöbert man die einschlägigen Autobörsen im internet, ist das Angebot an Scorpios sehr spärlich im Vergleich zu den ebenfalls viel verkauften äquvivalenten Modellen wie z.b einem Mercedes W124 oder einem BMW E34. Die Preisspanne beginnt bei 200 Euro für Bastlerobjekte, ab 2000 Scheinen gibt es brauchbare Exemplare, die Höchstgrenze liegt bei nicht einmal 4000 Euros für Fahrzeuge aus der letzten Eskalationsstufe mit den Glubschaugen und dem ausladenden Hinterteil.

Dieser Artikel entstand mit tatkräftiger Unterstützung des Schweizer Ford Scorpio Fachmannes Jean-Pierre Wüthrich, der mir Literatur und geballtes Wissen zur Verfügung stellte und der selbst sechs Stück des Ford Youngtimers sein Eigen nennt.

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Kommentare

Kommentar

13 Comments

on “Der ideale Youngtimer Teil 4: Ford Scorpio
13 Comments on “Der ideale Youngtimer Teil 4: Ford Scorpio
  1. Ein schöner Artikel. Nicht zu vergessen auch der sehr erfolgreiche, sparsame 4-Zylinder-Reihenmotor, DOHC, 2.0i, 8V, 120 PS mit G-Kat, welcher 1989 auf den Markt kam, und ab 02/92 aus versicherungstechnischen Gründen auf 115 PS gedrosselt wurde. Dieser hatte zwei obenliegende Nockenwellen, Hydrostößel und Steuerkette. Das Drehmoment lag bei 171 Nm / 2.500 1/min, was der Durchzugskraft etwa eines Dieselmotors entsprach. Dieser DOHC-Motor wurde auch im Ford Sierra verbaut. Daher der immer noch relativ gute Ersatzteil-Support. Von der Stückzahl her gesehen, war dieses eines der erfolgreichsten Ford-Triebwerke in Europa, welches meines Erachtens auch der Vorläufer des noch erfolgreicheren Zetec-Motors (DOHC) war.

      • Ein Lob an den Scorpio Mk1: Diese Woche hatte ich einen kleinen Unfall (Röntgen, Schmerzmittel, Trombosespritzen, Schiene, Krücken, Chirurg, MRT, Eisverbände, usw.). Aber ich hatte Glück im Unglück: „Drehtrauma, Kniegelenk“. Ab kommende Woche gehe ich ggf. wieder in die Arbeit.
        Mein Scorpio ist absolut behindertengerecht, keine „Sardinenbüchse“, die Krücken passen gut in den Kofferraum, der Einstieg ist bequem. Mein Vorbesitzer war u.a. schwerbehindert. Schade, dass Ford solche behindertengerechten und vor allem zuverlässige Autos (ohne technischen Schnick-Schnack) nicht mehr baut.

          • Hallo Micky. Danke! Ich bin wieder fit. Der Scorpio, Motorcode N9D, ist mittlerweile 25 Jahre alt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich in drei oder vier Jahren noch einmal ca. 3.000 € investieren werde, weil die Grundsubstanz, das Interior, der Motor, die technische Peripherie sich
            altersbedingt noch in sehr gutem Zustand befinden. Ich spiele da u.a. mit dem Gedanken einer Leder-Vollausstattung (gebraucht). Ich denke mal, für kalkulierte Gesamtkosten von durchschnittlich 1.000 € pro Jahr ist so ein großer Wagen schwer zu haben. Es gibt nur Handkurbeln, keinen Schnick-Schnack, also was nicht vorhanden ist, kann auch nicht kaputt gehen.

          • freut mich stephan, das du wieder genesen bist! wenn die basis vom auto stimmt, spricht ja nichts dagegen noch was zu investieren. die unterhaltskosten, sofern kein wartungsstaus anliegt ist bei youngtimern sowieso ein hammer. mit wenig einsatz kann man tolle fahrzeuge stilvoll bewegen und hat lange freude daran, sofern man die regelmässige pflege nicht vernachlässigt. ich bin mir ja auch noch nicht hundertprozentig sicher ob ich meinen 240er volvo abgeben soll oder doch noch mal kohle in die hand nehmen soll um ihn etwas aufzuhübschen…..

  2. Heute kaufte ich das neue Autoclassic Nr. 02/2015 – März/April und darin steht.

    Einiges daraus.

    Die ersten Exemplare machen sich 2015 bereit für H-Kennzeichen.

    „sofern sie die Abwrackprämie nicht erwischt hat“

    Für wenig Geld sind vor allem spätere Exemplare zu haben, doch Vorsicht:
    Einige sind mehr verbraucht als gebraucht!!!!

  3. BLECHGESCHICHTE: Ich selbst rede nicht so gerne über Geld. Aber jeder Autofahrer kann sich bestimmt an seinen 10 Fingern abzählen, dass man an bestimmten Lebens-Zyklen (zum Beispiel nach 23 Jahren) mal eine größere Summe Geld in die Hand nehmen muss, wenn man reparaturtechnisch 4, 5 oder 6 Jahre in Ruhe einen zuverlässigen Ganzjahreswagen fahren möchte, damit sich der Aufwand auch lohnt. Ich fahre einen 25 Jahre alten Ford Scorpio CL, Bj. 1990 mit 120 PS (DOHC-Motor, 2.0 Liter, 4 Zylinder) und ohne jeglichen technischen Schnick-Schnack. Diesen hatte ich mir vor 2 Jahren von einem Rentner mit original 82.762 km gekauft. Der rostfreie Wagen wurde nur im Sommer gefahren und hatte immer eine Tiefgarage. Es war eigentlich nur ein reiner Zufall mit dem Scorpio. Ich suchte ursprünglich einen Ford Escort. Nur weil ich damals in den 80-er Jahren einmal einen Ford Granada `82 mit 114 PS und 6 Zylindern fuhr, habe ich den Scorpio genommen. Es wurden Achsmanschetten hinten, Temperatursensor, Thermoschalter, Kupferkühler inkl. Schläuche und Thermostat, Servopumpe inkl. Druckleitung, hintere linke Bremsleitung, neuer Ventildeckel, Zündkerzen, Verteilerkappe, Verteilerfinger, „EXIDE“-Batterie, ÖL und alle Flüssigkeiten gewechselt, Euro-2-Nachrüstung, 8-fache Neubereifung (Continental), neue Ford-Radkappen, Unterbodenschutz und Hohlraumversiegelung und Gummipflege gemacht. Vieles wurde in nervenden Selbstschrauber-Aktivitäten auf dem Hof mit Reparaturbuch gemacht, um Geld zu sparen. Alles andere hatte schon der Vorbesitzer gemacht (LIMA, Stoßdämpfer, Bremsen, Auspuff, e.t.c.) Es scheint nun ein 25 Jahre alter „Neuwagen“ zu sein. Mittlerweile hat mein Scorpio zum 25. Geburtstag die ersten 100.000 km auf dem Tacho geschafft. Der Motor schnurrt wie eine Katze, Kopfsteinpflaster und Schlaglöcher werden wie Butter weggeschluckt, nichts klappert, die Gangschaltung schaltet wie Butter. Eben typisch Ford! Die originalen Radkappen (1990) und das originale Ford Kassettenradio wurden eingelagert. Jeden Morgen, wenn ich in die Arbeit fahre, schließt die Fahrertüre mit einem „satten Plopp“. Nachts steht der Wagen natürlich in einer Einzelgarage.

  4. Pingback: Alltagsklassiker Der ideale Youngtimer für den Alltag | Alltagsklassiker

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